Regenstadt.

Die Füße nass und kalt.

In den Pfützen bunte Benzinschlieren wie Regenbögen.

Hände, die andere halten, fest wie miteinander verschweißt.

Betonblöcke stehen grau und still,

Regen fällt ungeachtet jeder Gefühlsregung.

Stadt schweigt.

Und wir lachen und weinen zugleich, durchs Wasser springend.

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3.41

Der Moment, wenn du mitten in der Nacht wach wirst. Du öffnest deine Augen, weißt im ersten Augenblick nicht, wo du bist, realisierst aber schnell, dass der Fernseher läuft. Auf dem flimmernden Bildschirm marschieren Männer in Uniformen über Straßen. Du ziehst die Decke etwas höher und drehst dich um.
Neben dir liegt jemand, und du musst lächeln als du es merkst. Du weißt wo du bist. Er dreht dir den Rücken zu, hat sich eingerollt, als wollte er sich vor irgendwas schützen. Er bewegt sich keinen Millimeter, als du dich ein wenig an ihn kuschelst. Du legst deinen Arm fest um ihn, aber noch immer bewegt er sich nicht. Als du bemerkst, dass du kein Atmen hörst, bekommst du Angst. Legst dein Ohr auf seinen Rücken, und obwohl du sein Herz schlagen hören kannst, erschreckt dich, dass er sich nicht bewegt. Dein Herz rast. Im nächsten Moment liegst du da und weinst, bis sein Rücken ganz nass ist.
Irgendwann dreht er sich zu dir um. Du hast ihn geweckt. Er drückt dich an sich und fragt, was los ist.
Alles, was du raus bringst, ist

Ich hatte Angst.

Angst davor, dass du irgendwann nicht mehr bei mir bist.

Wind.

Sie legte ihren Stift beiseite. Die Seiten des Blocks waren voll, ihr Körper fühlte sich leer an, alles war wieder in Ordnung. Sie stand vom Schreibtisch auf, ihre nackten Füße machten seltsam platschende Geräusche auf dem Korkboden. Sie löschte das Licht als sie den Raum verließ und machte die Lampe im kleinen Treppenhaus nicht an. Als sie die Treppe herunter ging, bemühte sie sich, leise zu sein, um ihre Kinder nicht zu wecken, die im Raum nebenan schliefen. Unten angekommen stand sie eine Weile still in der Dunkelheit ohne zu spüren, wie die Kälte aus den Fliesen ihre Knöchel empor kroch. Wie lange war es jetzt her dass er sie verlassen hatte? Sieben Monate. Eigentlich sechs Monate, drei Wochen und fünf Tage. Sie dachte an den Tag zurück, an dem sie ihn mit seinem Koffer in der Tür hatte stehen sehen, sie wusste noch wie er sie angesehen hatte, so mitleidig. Seine letzten Worte an sie waren etwas wie Ich komme die Kinder besuchen, aber daran erinnerte sie sich nur noch verschwommen.
Im Radio lief damals Men in black. Wie albern, dass sie ausgerechnet dieses Detail behalten hatte.
Er hatte die Tür geschlossen und war gefahren, mit ihrem alten, roten Volvo, seitdem hatte sie kein Auto mehr, aber das machte nichts. Sie konnte mit dem Bus fahren.
Sie löste sich aus ihrer Starre und ging durch das Wohnzimmer auf die Terrasse. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Blick auf die Uhr, sie zeigte 3.41 Uhr. Der Wind draußen war kalt, obwohl schon Mai war, und sie zog ihre viel zu große Strickjacke enger um sich. Barfuß tapste sie den schmalen, von großen Kieseln gesäumten Holzsteg entlang, ihr glattes braunes Haar glitt ihr über die Schultern wie ein Bach und schaukelte bei jedem ihrer Schritte leicht von einer Seite zur anderen. Nach wenigen Schritten verließ sie den Steg und trat in die Kiesel, etwas, was ihr Mann nicht gern gesehen hätte. Sie waren eiskalt und taten ein wenig weh. Durch das Kieselbeet führte sie ihren Weg nach links fort, vorbei an den Forsythien und den noch kleinen Stauden, bis sie schließlich über die kleine Buchsbaumhecke stieg und somit das Gundstück verließ. Sie stand mitten in den Dühnen.
Wenig später fand sie sich am Strand wieder.  Der Wind war hier stärker und kälter, sie fror. Sie dachte an ihre Kinder, die Kleine, grade erst 4, und ihren großen Bruder, er wurde in wenigen Wochen schon 8. Er mochte die Schule, es machte ihm Spaß zu lesen und zu schreiben, nur rechnen konnte er noch nicht so gut wie seine Mitschüler. Ihr Haar flog ihr ins Gesicht, der Wind kam aus Südwest, wehte den Sand Richtung Meer. Langsam lief sie auf das Watt zu, vollkommen in Gedanken versunken, bis der weiche Untergrund ihre Beine bis zu den Knöcheln aufgesogen hatte. Es roch nach Schlick, dem schlammigen, faulig riechendem schwarzen Sand unter der obersten Schicht, er bedeckte ihre Beine. Sie ekelte sich, blieb aber stehen. Ob ihre Kinder sie suchen würden? Sie hatte den ganzen Block ohne Punkt und Komma vollgeschrieben, man würde wissen was sei, aber was war mit den Kindern?
Sie wartete, bis die Flut kam.
Der Wind drehte, so wie er es immer tat, wenn es Tag wurde.
Das Meer kam zurück an den Strand.
Sie dachte an Maike und Paul. Maike, mit ihren niedlichen rotblonden Locken, und Paul, der ein wenig aussah wie die menschgewordene Version von Pumuckl, beide hatten seine Haarfarbe.
Das Wasser stand ihr bis zu den Knien und wusch den schwarzen, stinkenden Schlamm ab.
Der Wind wehte ihr den Kopf frei.
Sie wartete.

Als ihre Kinder um kurz nach 8 aus ihren Zimmern krochen, protestierten sie laut, weil ihre Mutter sie nicht geweckt hatte um zur Schule zu gehen. Sie riefen, bekamen aber keine Antwort. Erst als sie in ihrem Schlafzimmer standen, reagierte sie. Die Fenster standen weit offen, der Wind ließ die Vorhänge fliegen. Die Sonne strahlte.

Was machst du da, Mama? fragte Paul und starrte seine Mutter an.
Ich packe. Wir ziehen um.
Aber ich will nicht umziehen. protestierte Paul. Ich will hier bleiben.
Wir gehen.

Sommersonnenwende.

Sie saß in diesem Moment wieder auf der Bank, auf der sie im Winter schon gesessen hatte, wartete noch immer auf den alten Mann mit seinem noch viel älteren Hund, beide so traurig, dass sie sich nie traute zu fragen, was ihre Augen schon gesehen hatten. Der Mann war eines Tages verschwunden, irgendwann im Winter, im tiefsten Schnee, und sein Hund war mit ihm fort. Lange hatte sie neben beiden gesessen, einfach nur gesessen, gewartet, auf Dinge, die nie passieren würden, solange sie nicht begann, etwas zu riskieren, aber der Typ Mensch war sie nicht. Und jetzt waren sie fort und mit ihnen ihre Hoffnung und die Wärme in ihrem Herzen. Da saß sie also. Starrte in die untergehende Sonne und überlegte, so weit weg von Zuhause, doch wieder dorthin zurück zu kehren. Wie ein paar Fremde das Leben beeinflussen können, überlegte sie. Sie stand auf.

Den gepflasterten Weg entlang schlendernd starrte sie, wie jedes Mal, auf ihre Schuhe, die blauen, von der Zeit gezeichnet. Als sie im Schatten eines Hauses verschwand, bekam sie eine Gänsehaut. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, den Blick noch immer gesenkt, lief sie Richtung Unterstadt. Fast wäre sie gefallen, als sie einen Mann übersah, der auf dem Boden schlief, und über ihn stolperte. Er grummelte, zog seinen Strohhut zurecht, griff nach der großen Kauflandtüte mit der Deutschlandfahne und machte sich auf den Stufen noch kleiner. Sie überkam ein ungutes Gefühl, als ihr auffiel, wie sehr sie ihn anstarrte, seit sie ihn sah. Sich hastig entschuldigend und den Blick von seinen zerfetzten Schuhen abwendend drehte sie sich um. Sein Blick bohrte sich in ihren Rücken, obwohl der Strohhut seine Augen und ihren Rücken voneinander trennten wie eine Wand. Je weiter sie in die Unterstadt kam, desto kälter wurde ihr. Sie bog instinktiv irgendwann in eine Gasse rechts von ihr. Die Stille, die hier herrschte, kroch bösartig in ihren Kopf und malte bunte Bilder von allem, was sie die letzten Tage zu verdrängen versuchte. Noch einmal links, dann wieder rechts, der Schatten der Dämmerung zeichnete ihr Abbild lang und dürr auf die Straßen. Die Gasse mündete in einen Weg, der von Bäumen gesäumt war. Sie beschloss wieder bergauf zu laufen. Vorbei an dem einem Vogelhaus, in dem die tausend Stadttauben lebten, fand sie sich bald bei den überdimensionierten Schachfiguren wieder. Müde ließ sie sich auf die Bank daneben fallen. Wie lange schon hatte sie nicht mehr richtig schlafen können, weil ein zu großer Teil fehlte? Sie war sich nicht mehr sicher. Es war ihr egal geworden. Als es dunkel wurde, stellte sie Bauern, Türme, Springer, Läufer, Könige und Damen auf ihre Plätze um sich danach in ihre Mitte zu setzen. Dort saß sie, bis ihr kalt wurde, und starrte den von grünen Algen überzogenen Figuren in die toten Augen. Kein Gedanke kam ans Licht, nichts von dem was sie vor ihrem inneren Auge sah, würde jemals ihren Kopf wieder verlassen. Sie stellte sich hinter die weißen Figuren, wie damals. Sie spielte die Anfangszüge, einen nach dem anderen, und sie wusste wie ihr Gegenüber gespielt hätte, wäre es da gewesen. Seit langem hatten sie die immer gleichen Züge gespielt, wieder und wieder, ohne jemals auch nur einen Zug zu überspringen. Und immer begann weiß. Und immer gewann schwarz.

Als sie Matt setzte, fiel der weiße König, und sie setze sich wieder auf die Bank, weinte leise und heimlich ins Dunkel. Der Regen hatte so langsam eingesetzt, dass sie ihn erst jetzt bemerkte, obwohl sie völlig durchnässt war. So saß sie noch eine Weile da, bis sie den Marker aus ihrer Tasche holte und auf die Bank, auf der der alte Mann und sie gesessen hatten, schrieb, in unleserlicher Schrift, weiß auf grünem Plastik:

Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken.

Feuer.

Die Flamme umzüngelte langsam den weißen Karton, ließ ihn erst braun, dann schwarz werden. Ein wenig unschlüssig stand ich davor. Waren darin zwar die Dinge gewesen, die ich fast 9 Monate gesucht und vermisst hatte, war darin auch gleichzeitig so viel Hass, dass ich ihn verbrannte. Es war angenehm befreiend, wie der giftige Rauch dunkel zu mir hochsteig und mich husten ließ. Eins meiner Lieblingsbücher lag in diesem Karton. Mein Phantasien brannte, wurde schwarz und zerfiel. Es machte nichts. Bücher gab es tausende. Auch das Armband, das zierlich geflochtene Lederarmband aus Sorrent, das ich zwar anprobiert hatte als es endlich wieder bei mir auftauchte, sich aber so fremd angefühlt hatte, lag irgendwo darin, und auch das wurde schwarz. Es machte mich ein wenig traurig, dass ich mit diesem Armband, an dem ich so gehangen hatte, jetzt so viel negatives verband, dass es brennen musste. Genauso brannte mein Notizbuch, die kleinen Zettelchen und vertrockneten Rosenblätter, die dazugesteckt wurden und mir die Nackenhaare vor Ekel hochstehen ließen. Alles brannte, aus dem Karton wurde nach und nach ein schwarzer Haufen und dann war es schließlich vorbei. Alles weg.

Wieder in der Stadt nahm ich das Löwenbaby, dass ich, seit ich weg war, im Bettkasten versteckt hatte. Es wurde gewaschen, desinfiziert, und schließlich in eine Plastiktüte gesteckt. Auf die Tüte klebte ich einen Zettel, auf dem stand, es suche einen neuen Besitzer, sei stubenrein und sauber, und fragte den potentiellen Leser gleich, ob er nicht zufällig ein Kind kannte, dass kein Kuscheltier hatte. Am Morgen ging ich, legte die Tüte an einem Platz ab, von dem ich wusste, hier kamen Kinder vorbei. Als ich Nachmittags wieder dort lang lief, war auch diese Erinnerung verschwunden. Erleichterung machte sich breit. Wer es mitgenommen hatte war mir egal, vielleicht hatte es auch ein Müllmann weggeräumt oder ein paar Jugendliche hatten es angezündet – es war weg. Das war wichtig.

In meinem Zimmer stand noch immer das Schmuckkästchen von Zuhause, dass ich seit meinem Auszug nicht geöffnet hatte. Als ich es aus dem Schrank nahm, wusste ich schon vorher, wonach ich suchte. Als mir der Vogel in die Hände fiel, hinten das Datum eingraviert, von dem ich mittlerweile nicht mal mehr ansatzweise nachvollziehen konnte, wie es dazu kommen konnte, überlegte ich lange. Nie wieder würde ich diesen Vogel am Hals tragen. Allerdings wollte ich ihn nicht wegwerfen, hatte sich irgendein Goldschmied doch solche Mühe damit gegeben. Ich vergrub ihn wieder in der Kiste. Er durfte bleiben, wenn er auch nie wieder die Sonne sehen sollte.

Schwarzes Buch, schwarzer Stift.

Herz schlägt schwarz. Seit Tagen schon zu heiß im Inneren, draußen eiskalt. Der Regen tanzt mit mir den Berg hinab, die Schultern hängen monoton wie die Blätter von den Bäumen. Im Hintergrund stehen die Alpen stumm und massiv und beobachten jeden Millimeter, den ich mich beweg. Stille schreit im Kopf, Helligkeit lässt nachts nicht schlafen. Tage verziehen ungenutzt. Nächte voller vergessener Träume. Das Flimmern des Bildschirms brennt sich in die Netzhaut, Kreativität wird langsam grau. Angst unter den Fingern lässt das schwarze Buch im Dunkeln zittern. Herz im Buch. Verschlossen. Bald wieder. Wach auf. Bald.

1999

Stille streicht kalt um ihre Fußgelenke, obgleich sie ihre Decke bis über den Kopf gezogen hat. Ihr langer, brauner Zopf guckt wie der geflochtene Schwanz eines Tieres als einziges aus der Dunkelheit der zur Höhle erkorenen Deckenburg. Ihre Augen fest geschlossen drückt sie ihre Nase fest in den weichen, kühlen Baumwollstoff. Durch den Türspalt gleitet das Licht warm in ihr Zimmer und erzeugt eine schumrige Atmosphäre, die nicht mehr Atmen lässt. Kleine Füße befreien sich aus der Decke, tapsen wie riesige Regentropfen über den Korkboden hinaus ins Hellere. Auf dem Lichtstreifen, den die Deckenlampe aus dem Nebenzimmer auf den Boden legt, balancieren sie vorsichtig, als wäre der Schatten rundherum tödlich. Der Gang scheint mit jedem Schritt länger und schmaler zu werden und sie versucht schneller zu laufen ohne dabei von der Stelle zu kommen. Die Tür wirkt groß, monströs, sie schließt die Augen, hält ihre kleinen Hände vors Gesicht,  so weit, dass sie die Lichtspur nur noch erahnen kann. Eine Träne bahnt sich leise den Weg vorbei an den Fingern, ihre Lunge füllt sich mit dem samtigen Gefühl des Erstickens.

Unbenannt.

Durch Flure voller Vergangenheit laufen.

Niedrige Decken und beige-orange Wände begleiten mich durch dunkelrote Türrahmen.

Dann Umarmungen, ein paar Tränen ohne Grund, ein bisschen Stille, darauf fremde Menschen, denen es schlecht geht, die erzählen.

Hände halten.

Durch Haare fahren.

T-Shirts, die fremd riechen.

Blaues Licht. Draußen blühen die Forsythien gelb in abgegrenzten Bereichen.

Dann wieder Flure mit niedrigen Decken, langsame Fahrstühle, von innen metallenes Glänzen ohne Spiegelungen.

Grüne offene Jacke, Hand in Hand.

Beklemmendes Gefühl des Anonymen.

Kurz draußen, dann wieder drinnen.

Fahrstühle hoch, Treppen runter.

Ein paar letzte Augenblicke.

Durch automatische Türen hinaus, durch Forsythien vorbei an der Baustelle.

Es riecht nach Frühling und Vermissen.

Dunkel.

Und dann war Stille. Die Uhr tickte laut und mechanisch ihr seltsam anmutendes Lied vor sich hin während durch das Fenster die einfahrenden S-Bahnen leise surrten. Die Nase dicht am eigentlich beruhigenden Lavendel, kam der Schlaf dennoch nicht. Im Kopf malte die Erfahrung dunkle Bilder, dunkler noch als die Nacht dort ist, wo ich herkomme. Manchmal ist das Leben gut, manchmal macht es melancholisch-glücklich, manchmal ist es mir zu groß und macht  Angst. Erinnerungen an die letzten Monate tun noch immer viel zu sehr weh, als dass man von glücklich sprechen könnte. Viel mehr ist es Stille. Geräuschlosigkeit, aber kein Glück.
Die Monster unter meinem Bett sind lange nicht so schlimm wie die in meinem Kopf. Mit der Stille kommen die Bilder und mit den Bildern die Angst. Dunkel.

Verlassen.

Er steht allein im Dunkel, weiß nicht wo er ist. Sein Körper fühlt sich seltsam leicht und fremd an, als wär es nicht seiner, sondern der eines Kindes. Er blinzelt und langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit, die an diesem Ort herrscht. Diese Dunkelheit ist matt und samtig, wie der dicke Vorhang vor den Fenstern der Ferienwohnung, in der sie damals oft im Sommer waren. Aus der Dunkelheit heraus kristallisiert sich langsam, immer klarer ein exakt quadratischer Raum. Es gibt keine Tür, keine Fenster, keine Lampen, keinen Bodenbelag und auch keine Tapeten an der Wand, nur sanfte Dunkelheit und ein ebenfalls quadratisches Bett in der Mitte des Raums. Als er ein paar Schritte geht, machen diese kein Geräusch. Er versucht zu sprechen, doch er bekommt keinen Ton raus.

Im selben Moment wird an einem anderen Ort eine Tür geöffnet, ein Name wird gerufen, es kommt keine Antwort. Selbige Tür wird geschlossen. Es ist wieder still.

Er lässt die Schultern hängen, läuft lautlos auf das Bett zu. Anstatt sich zu setzen geht er einmal herum – es sieht von allen Seiten gleich aus, erst jetzt setzt er sich. Es gibt eine Decke, ein Kissen liegt in der Mitte darauf.

Wieder wird an einem anderen Ort die Tür geöffnet, fragend wird der gleiche Name erneut gerufen, wieder kommt keine Antwort. Eine Frau tritt heraus, sie trägt ihr langes, einst dunkelbraunes, nun bereits grau durchzogenes Haar wie immer zu einem Pferdeschwanz, hat ihre Hausschuhe an. Sie ruft weiter fragend den Namen, und ob alles in Ordnung sei. Sie beschleicht ein seltsames Gefühl.

Er sitzt noch immer auf diesem Bett, wartet. Wartet, dass etwas passiert, dass er etwas hört oder sieht, was er jetzt nicht hört, nicht sieht, aber es geschieht nichts. Er versucht die Sekunden zu zählen, still, nur für sich, aber er kann nicht zählen, er schafft nicht, die Zahlen in eine Reihenfolge zu bringen. Er schüttelt den Kopf. Er ist müde.

Die Frau läuft nach vorn auf den Hof, und ja, dort steht der neue Firmenwagen ihres Mannes, den er erst heute geholt und nun einräumen wollte. Sie lächelt und bleibt stehen. Wie lange hatte er sich auf diesen Wagen gefreut? Lange hatten sie darauf gewartet, das neue, große Auto endlich das erste Mal fahren zu dürfen. Im Vergleich zu ihrem alten Wagen war dies eine Stretchlimo, und sie lacht bei diesem Gedanken leise vor sich hin.

Er legt sich auf dieses Bett, in diesem Raum, und rollt sich ein wie eine alte Katze, schwerfällig und langsam. Er schließt die Augen, aber es bringt nichts. Lange liegt er da, ohne einzuschlafen.

Sie läuft weiter auf das Auto zu, ruft den Namen, und als sie um den Wagen herum geht, trifft sie der Schlag. Da liegt der Mann, den sie gerufen hat. Bewusstlos und seltsam verdreht. Ihr Atem geht, obwohl sie still steht, schnell und stockend, ihr Herz rast. Erst nach wenigen Sekunden kann sie sich aus ihrer Starre lösen und sich wieder bewegen. Sie rennt zurück zum Haus.

Er hat sich mittlerweile die Decke über den Kopf gezogen und guckt wie ein scheues Tier durch einen Spalt in den Raum. Noch immer passiert hier nichts, rein gar nichts. Er schließt seine Augen wieder und bleibt einfach liegen, leblos, lieblos, allein.

Sie hat bereits den Rettungsdienst gerufen, sitzt nun auf dem Boden neben dem Firmenwagen und hält den Kopf ihres Mannes. Sie zittert vor Angst, fühlt sonst gar nichts. Der Rettungswagen biegt um die Ecke und fährt auf die Auffahrt, aus dem Auto steigen zwei Männer, beeilen sich, wirken mechanisch. Sie nehmen ihn ihr weg, untersuchen, ein Hubschrauber wird gerufen. Das Gefühl kommt zu ihr zurück und sie beginnt nun endlich zu weinen, die Hände vor den Augen steht sie zusammengesunken da und weint, laut, herzzerreißend. Als hätte ihr jemand unendliche Schmerzen zugefügt.

Er liegt mit geschlossenen Augen unter der Decke, fährt sich mit einer Hand durchs Gesicht und wartet. Er kann nicht denken, nicht hören oder reden, noch immer fühlt er sich unwirklich leicht, fast schwerelos. Unbewusst dreht er sich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. In seinem Kopf ist nichts, nur Dunkelheit, genau wie in diesem Raum.

Man nimmt sie im Rettungswagen mit, bringt sie hin wohin der Hubschrauber, der vor kurzem gelandet ist und in den sie ihrem Mann gelegt haben, hinfliegt. Sie weint noch immer, aber jetzt nicht mehr laut und schrill, sondern leise und für sich. Man hat ihre Kinder bereits angerufen.

Er öffnet seine Augen wieder, kriecht aus seiner Höhle raus, läuft unschlüssig um das Bett herum und betrachtet die leeren, glatten Wände.

Im Krankenhaus angekommen wird ihr erklärt, ihr Mann sei nun im OP, man tue das Möglichste, aber versprechen könne man nichts. Es stehe nicht gut. Sie fühlt sich kalt und leer. Die Sterilität dieses Ortes hat ihre Gefühle getötet, wie das Desinfektionsmittel im OP unerwünschte Keime tötet. Er liegt auf dem OP-Tisch und die Ärzte versuchen das Blut, dass seit Ewigkeiten auf sein Gehirn drückt, abzulassen.

Gäbe es an diesem Ort Zeit, stünde er nun schon seit Stunden vor einer Wand und betrachtete die Leere. Für ihn fühlt es sich an als stünde er schon immer hier und gleichzeitig erst seit wenigen Augenblicken.

Stunden vergehen und man benachrichtigt sie immer wieder über den Stand der Dinge. Schwestern und Ärzte hetzen geschäftig über die kalten Flure und sie sitzt vor der Intensivstation, auf der ihr Mann nun liegt. Die Kinder sind vor etwa 45 Minuten eingetroffen, sie laufen ebenso wie Ärzte und Schwestern scheinbar sinnlos und ohne Konzept durch die Räumlichkeiten und finden an nichts Halt. Ihre Angst steht ihnen in die Augen geschrieben.

Er steht noch immer.

Eine Schwester tritt auf sie zu und sagt, sie dürfen nun zu ihm. Die Frau stürzt durch die schwere Tür der Intensivstation und steht einen Moment später verloren in einem kalten, weißen Zimmer ohne Vorhänge. Dort liegt ihr Mann, vollkommen reglos.

Es vergehen noch einige Stunden, in denen Ärzte und Schwestern immer wieder zu ihnen kommen und Worte wie Wachkoma, Pflegefall, und keine Hoffnung fallen viel zu oft.

Der Raum in dem er sich befindet wird langsam immer dunkler. Er legt sich irgendwann wieder auf sein Bett, macht es sich bequem und starrt in die Leere, wo die Decke sein müsste. Er schließt seine Augen, dann öffnet er sie wieder, dann schließt er sie erneut. Er ist sich seiner Selbst nicht mehr bewusst.

Sie hält seine Hand, und als die Maschinen zu piepen beginnen, rennen hektisch Menschen in den Raum. Man nimmt ihre Hand und bringt sie wieder auf den Flur, Rollos und Türen werden geschlossen, man lässt sie und die Kinder wieder allein. Sie fühlen sich leer.

Sein Raum beginnt zu verschwimmen, sein leichter Körper wird immer schwereloser, er hält die Augen geschlossen, als er ein Blitzen wahrnimmt – und für immer im Nichts verschwindet.

Man tritt hinaus auf den Flur, spricht ihnen Mitleid aus. Es sei zu spät, man hätte nichts mehr für ihren Mann tun können. Es sei so besser für ihn.

Tage vergehen und die Gefühllosigkeit bleibt. Man tritt als Familie an sein Grab, als die Urne eingesetzt wird. Man weint viel, die meisten gehen nach der angemessenen Zeit. Sie steht noch Stunden dort vor dem frischen Grab, ganz in schwarz, die Haare wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, weint leise.

“Du hast uns viel zu früh verlassen.”, sagt sie ein letztes Mal. Dann dreht sie sich um und geht.

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