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Antikörper.

Ich sitze im Bus. Er fährt die mir schon bekannte Strecke, wie immer über die Kreuzung und dann den Berg hoch. Draußen ist es schon lange dunkel, so wie immer, wenn ich diese Strecke fahre. Die Musik dröhnt aus meinen Kopfhörern, aber ich hör sie gar nicht – sie kommt nicht an. “Laut ist nicht mehr laut genug”, denk ich mir und vermisse das starke Pulsieren der Bassbox, die den ganzen Körper in Schwingungen versetzt. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf die altbekannte, traurig-wütende Stimme, die über dem Beat schwebt. Mein Kopf lehnt am kalten Fenster. Es vibriert matt.

Als der Song vorbei ist, öffne ich die Augen. Noch eine Haltestelle und ich muss aufstehen. Schon jetzt schließe ich meine Jacke, starre hinaus in die Schwärze, dunkel und undurchdringlich, etwas, was es in der Stadt so nie gab. Ich rutsche Richtung Gang und stehe angestrengt auf, fühle mich leer und gleichzeitig so schwer als würde ganz Berlin auf meinen Schultern stehen. Meine graue Tasche hänge ich mir über die rechte Schulter, so wie immer. Ich wanke zur Tür, so wie immer. Ich drücke den “Stop”-Knopf, so wie immer. “Die Routine hat dich ja ganz schön schnell erwischt”, denke ich mir, “so wie immer.”

Der Bus bremst, hält, ich steige aus. Kein Wind. Kein Licht. Nur ein paar Tropfen fallen vom Himmel direkt in mein Gesicht. Ich laufe langsam los, der Bus neben mir fährt an und ich bewundere schon wieder diesen Moment, in dem wir kurz gleich schnell sind, bevor er endgültig abfährt. Ich schüttle matt den Kopf, als mir auffällt, worüber ich nachdenke. Nehme das Handy aus der Tasche und schalte einen Song weiter. Das Klavier spielt, ich fühle mich seltsam. Schwebend. Dieser Mann säuselt mir ins Ohr und ich hab das Gefühl, niemand spräche so sehr die Wahrheit wie er. Der Regen wird stärker. Ich blicke gen Himmel und freue mich über dieses Gefühl. Meine Füße bahnen sich den Weg durch die Schwärze fast allein, den Berg hinunter, vorbei am Kindergarten. Dann nach rechts – Schlüssel suchen – in den Briefkasten schauen – Tür aufschließen. Ich gehe die Treppe hoch. Das Licht bleibt wie immer aus. Schließe die Wohnungstür auf, dann die Zimmertür, ziehe die Jacke aus, die Schuhe, dann Hose, Socken und Pullover und werfe mich aufs Bett. Starre an die Decke. Meine Gedanken schreien mich trotz Musik an. Ziehen mich runter. Ich schließe die Augen, mache die Musik aus, und höre der absoluten Stille hier draußen zu. In der Stadt hätte es die nie gegeben. Der Gedanke macht mich traurig.

Mein Handy klingelt in die Stille und ich freue mich, so wie immer, über die Nachricht.

Eine Stunde später klingelt das Handy wieder, das Klavier aus dem Lied spielt, und ich freue mich über die Stimme auf der anderen Seite.

Noch eine Stunde später verabschiede ich mich. Bin traurig, als die Verbindung unterbrochen wird. Drehe mich um, wünsche eine gute Nacht und weiß schon jetzt, dass ich mindestens zweimal ohne Grund wach sein werde. Ich drehe mich auf die rechte Seite, schmiege mich in meine Wolldecke, weil man sie so hinlegen kann, dass man sich festgehalten fühlt. Schließe die Augen und falle in einen unruhigen Schlaf.

Ich stehe in einem kleinen Raum, wie es scheint bin ich allein. Mein Herz schlägt langsam, als müsse es sich zu jedem einzelnen Schlag durchringen. Ich sehe mich nicht weiter um sondern gehe gleich zur Tür, öffne sie und sehe diese riesige Wendeltreppe, die nach unten ins Nichts führt. Ohne zu denken beginne ich, sie hinunter zu gehen.

Nach wenigen Stufen komme ich an eine weitere Tür, die ich wieder öffne, und dort in dem Raum steht jemand, den ich auf den ersten Blick nicht erkenne. Ich sehe ihn auch eigentlich gar nicht, ich spüre seine Anwesenheit nur. An der Art der Anwesenheit spüre ich, wer es ist und freue mich so sehr, dass es der Mensch ist, den ich momentan so sehr vermisse. Ich falle ihm um den Hals, aber er erwidert die Umarmung nicht, so wie er es sonst tut, sondern sagt ganz ernst, dass wir jetzt die Treppe runter müssten. Ich lasse ihn los und gehe wortlos zurück zur Tür und blicke erneut die Treppe hinunter. Ins Nichts. Gehe Schritt für Schritt für Schritt und drehe mich hin und wieder um, um mich zu versichern, dass er noch da ist. Ohne Gesicht, wie alle Menschen in meinen Träumen, geht er hinter mir her, ich bleibe stehen. Er sieht mich an, ohne, dass ich ihn sehen kann, und ich weiß, was sein unsichtbarer Blick mir sagen will. “Ich hab Angst”, sagt dieser Blick. “Da unten wartet Etwas auf uns.”

Ich greife nach seiner Hand. Wir gehen weiter. Je weiter wir diese Treppe hinunter gehen, desto schwerer schlägt mein Herz. Es ist als würde es aus meiner Brust springen wollen. Langsam nehmen wir Stufe um Stufe, bis er stehen bleibt. Ich spüre seine Gänsehaut, fühle seinen Widerwillen und seine Angst. Lautlos gehe ich zwei Stufen wieder hinauf, bis wir auf Augenhöhe sind. Noch immer kein Gesicht, aber ich bemerke es nicht. Ich küsse seine Stirn, verspreche flüsternd, dass alles gut wird, drücke seine Hand und gehe weiter.

Die Treppe endet abrupt. Wieder eine Tür. Ich öffne sie ohne weiteres – und falle. Und er fällt mit mir.

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz rast schwerfällig, ich bin nassgeschwitzt. Die Dunkelheit umgibt mich. 2:51 sagt die Uhr. Ich stehe auf, öffne das Fenster und bekomme Panik, als ich die Autos draußen vorbeirauschen höre. Schließe es. Mache das Licht an. Mache es aus. Mein Herz rast. Ich lege mich wieder hin, stehe wieder auf. Mache den Fernseher an, mache ihn aus. Mache das Radio an. Mache es aus. Öffne die Tür, schließe sie. Mache sie auf, gehe in die Küche, das Licht brennt. Lasse das Wasser laufen, stelle den Wasserkocher an. Gehe zurück  in mein Zimmer. Lege mich hin. Schließe die Augen. Mein Herz rast. Es ist als müsse es raus, als fordere es mich auf ein Messer zu holen und es raus zu lassen. Da ist etwas in mir. Es lässt mich seit ich hier bin nicht mehr schlafen. Mit dem Bild eines Dosenöffners in meiner Brust schlafe ich schließlich wieder ein, um weitere 3 Male diese Nacht aufzuwachen, und nicht zu wissen, warum. Mit dem Gefühl, etwas fräße mich von Innen auf.

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