Archiv der Kategorie: Nachtgeschichten

Ueber die Nacht, in der ich nicht schlief.

Nachts, wenn der Regen so stark faellt, frage ich mich, was du gerade tust. Ob du lachst, ob du Spass hast, wo du bist. In den Hauseingaengen stehen Menschen, die sich vor dem Regen schuetzen, warten, dass die Tropfen weniger und sie nicht nass werden. Vereinzelt Paare in den Schatten der Haeuser, sich festhaltend, umarmend, kuessend. Aus jedem Schatten waechst ein neues Lebewesen, dass sich erst zeigt, wenn ich es bemerke. Meine Schuhe, Socken, Hosenbeine, alles abwaerts der Knie ist nass und tropft still im Vergleich zum Regen. Man kann sich nicht an Schirme anlehnen. Was du bloss machst? Gerade erst die Wohnung verlassen, die Freundin und den Fremden verabschiedet, wenigstens eine bleibt heut Nacht nicht allein. Ob du allein bist? Ob du getrunken hast, so wie ich? Vielleicht spuerst du das Selbe seltsame Gefuehl in der Magengegend. Vielleicht nicht. Vielleicht ist es nur die Gewissheit, dass du nicht allein bist und ich schon. Ob du jemanden getroffen hast? Ob sie huebsch ist und ob du sie ansiehst, wie du mich noch vor Kurzem angesehen hast? Der Schirm haelt mich nicht. Die Schluessel sind so tief in der Tasche, ich finde sie nicht. Die ganzen schweigenden Fremden sind mir unheimlich. Warum sind sie hier? Vielleicht wirst du sie kuessen wie du mich gekuesst hast. Vielleicht geht es dir gut damit. Vielleicht fuehlt es sich richtig an diesmal. Vielleicht ist auch sie heut Nacht nicht allein. Der Schirm tropft. Ich wuensch es dir, aber mir wuensch ich es nicht.

Advertisements

Kommst du mir nach?

Immer und immer wieder komme ich an diesen Punkt, an dem ich nicht weiss. Ohne grosse Worte, weil ich sie nicht beherrsche, wie ich gerne haette, versuche ich den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, weil ich mag, wenn das Leben so fliesst. Ein Schritt nach dem anderen ohne Ziel und Knoten im Kopf lassen sich nicht mehr einfach rauskaemmen. Ich bin mehr Chaos als Ordnung. Ich ordne alles um mich herum so oft neu, dass ich selbst vergesse in welchem Register welcher Gedanke abliegt, egal, Hauptsache aufgeraeumt und sortiert. Mach die Augen zu, und wenn du schwarz siehst, seh ich weiss, ich weiss bis heute nicht wer ich war bevor du kamst und wer ich waere, waerst du nicht. Ich will nichts und gebe alles. Kommst du mir nach, wenn ich jetzt abtauche, und wenn ja, wohin wollen wir noch gehen? Lass uns verschwinden, dahin wo uns niemals wieder jemand findet, den wir schon lange nicht mehr kennen. Bis wir vergessen wohin wir wollen und bleiben. Und dann, irgendwann, zeig ich dir wie man den Wind im Herzen behaelt, wenn er laengst nicht mehr da ist. Kommst du oder was?

Zu grell.

Der Blick auf den schmutzigen, ehemals weißen, nun bereits beige-grauen Schuhen, wie sie Schritt für Schritt weiter gehen, fast so, als würden sie das von allein tun. Der Schal verdeckt die Sicht auf den Rest des Körpers, nur die in schwarze Jeans gesteckten Beine tauchen bis zum Knie abwechselnd darunter auf. Dies ist der Moment, kurz bevor der Schmerz mit voller Wucht zuschlägt. Der Boden ist mit grauen Steinplatten gepflastert, von hinten dröhnt ein Bus die leicht ansteigende Straße hinauf. Der Moment wird eingeatmet, ausgeatmet, festgehalten, es pocht im Kopf, es ist zu hell, obwohl es schon dunkel ist. Die Ampel blendet, der Mond steht verschwommen am Himmel und leuchtet schwach mit blauem Licht. An jeder Ecke in den Gassen stehen fremde Menschen, oft Männer, oft betrunken oder anderweitig berauscht, Angst macht sich breit. Die Luft ist kalt und feucht, als stünde Nebel auf den Feldern. Die Verspannung zwischen den Schultern wird fester und schmerzt zunehmend, von Gasse zu Gasse wird es dunkler, leiser, unheimlicher. Es ist 18.42 Uhr. In der betretenen Gasse riechst es nach Vodka und Gras. Vor der Tür liegt noch die zerbrochene Glasflasche. Die Tür wird aufgeschlossen. Man sieht noch immer nur die schmutzigen Schuhe und den großen schwarzen Schal. Das Licht geht an, bohrt sich in die Schädeldecke wie eine Spitzhacke, es ist still. Der Schmerz klirrt und brummt und pocht von innen an die linke Schädelhälfte und man sieht den Boden gefährlich näher kommen. 

Die Decke über den Kopf, Ruhe, Dunkelheit. Der Schmerz bleibt. Pocht und bohrt und versucht die Schädeldecke zu sprengen. Der Schmerz bleibt bei mir.

Gepackt.

Der Koffer liegt seit ich hier bin auf dem Boden mitten im knapp 12qm großen Zimmer. Das Bett ist zu groß für mich allein, die Nacht hier oben zu still und zu dunkel. Mir fehlt deine Wärme neben mir und es ist traurig, dir nicht einmal wirklich eine gute Nacht wünschen zu können. Meine Sachen sind gepackt. Alle Kisten in deinem Schrank und jedes Gefühl auf Papier gelassen, damit ich diesmal nicht durchdrehe, und ich tue es doch. Dein Bild steht auf dem Fensterbrett und immer wenn ich raussehe, sehe ich doch als erstes dich.
Meine alten Bücher packe ich in einen kleinen Karton. Dazu dein Parfum, dass ich versehentlich mitgenommen habe. Alles, was ich aufgeschrieben habe die letzten Tage, lege ich dazu. Könnte ich, würde ich das schwarze Buch mit einpacken, alles, was mich schon so lange quält. Dein Herzschlag klingt weiter in mir nach und manchmal hoffe ich, dass auch du nachts aufwachst und mich ein wenig vermisst, wenn ich nicht mehr neben dir liege.

3.41

Der Moment, wenn du mitten in der Nacht wach wirst. Du öffnest deine Augen, weißt im ersten Augenblick nicht, wo du bist, realisierst aber schnell, dass der Fernseher läuft. Auf dem flimmernden Bildschirm marschieren Männer in Uniformen über Straßen. Du ziehst die Decke etwas höher und drehst dich um.
Neben dir liegt jemand, und du musst lächeln als du es merkst. Du weißt wo du bist. Er dreht dir den Rücken zu, hat sich eingerollt, als wollte er sich vor irgendwas schützen. Er bewegt sich keinen Millimeter, als du dich ein wenig an ihn kuschelst. Du legst deinen Arm fest um ihn, aber noch immer bewegt er sich nicht. Als du bemerkst, dass du kein Atmen hörst, bekommst du Angst. Legst dein Ohr auf seinen Rücken, und obwohl du sein Herz schlagen hören kannst, erschreckt dich, dass er sich nicht bewegt. Dein Herz rast. Im nächsten Moment liegst du da und weinst, bis sein Rücken ganz nass ist.
Irgendwann dreht er sich zu dir um. Du hast ihn geweckt. Er drückt dich an sich und fragt, was los ist.
Alles, was du raus bringst, ist

Ich hatte Angst.

Angst davor, dass du irgendwann nicht mehr bei mir bist.

1999

Stille streicht kalt um ihre Fußgelenke, obgleich sie ihre Decke bis über den Kopf gezogen hat. Ihr langer, brauner Zopf guckt wie der geflochtene Schwanz eines Tieres als einziges aus der Dunkelheit der zur Höhle erkorenen Deckenburg. Ihre Augen fest geschlossen drückt sie ihre Nase fest in den weichen, kühlen Baumwollstoff. Durch den Türspalt gleitet das Licht warm in ihr Zimmer und erzeugt eine schumrige Atmosphäre, die nicht mehr Atmen lässt. Kleine Füße befreien sich aus der Decke, tapsen wie riesige Regentropfen über den Korkboden hinaus ins Hellere. Auf dem Lichtstreifen, den die Deckenlampe aus dem Nebenzimmer auf den Boden legt, balancieren sie vorsichtig, als wäre der Schatten rundherum tödlich. Der Gang scheint mit jedem Schritt länger und schmaler zu werden und sie versucht schneller zu laufen ohne dabei von der Stelle zu kommen. Die Tür wirkt groß, monströs, sie schließt die Augen, hält ihre kleinen Hände vors Gesicht,  so weit, dass sie die Lichtspur nur noch erahnen kann. Eine Träne bahnt sich leise den Weg vorbei an den Fingern, ihre Lunge füllt sich mit dem samtigen Gefühl des Erstickens.

Dunkel.

Und dann war Stille. Die Uhr tickte laut und mechanisch ihr seltsam anmutendes Lied vor sich hin während durch das Fenster die einfahrenden S-Bahnen leise surrten. Die Nase dicht am eigentlich beruhigenden Lavendel, kam der Schlaf dennoch nicht. Im Kopf malte die Erfahrung dunkle Bilder, dunkler noch als die Nacht dort ist, wo ich herkomme. Manchmal ist das Leben gut, manchmal macht es melancholisch-glücklich, manchmal ist es mir zu groß und macht  Angst. Erinnerungen an die letzten Monate tun noch immer viel zu sehr weh, als dass man von glücklich sprechen könnte. Viel mehr ist es Stille. Geräuschlosigkeit, aber kein Glück.
Die Monster unter meinem Bett sind lange nicht so schlimm wie die in meinem Kopf. Mit der Stille kommen die Bilder und mit den Bildern die Angst. Dunkel.

Antikörper.

Ich sitze im Bus. Er fährt die mir schon bekannte Strecke, wie immer über die Kreuzung und dann den Berg hoch. Draußen ist es schon lange dunkel, so wie immer, wenn ich diese Strecke fahre. Die Musik dröhnt aus meinen Kopfhörern, aber ich hör sie gar nicht – sie kommt nicht an. “Laut ist nicht mehr laut genug”, denk ich mir und vermisse das starke Pulsieren der Bassbox, die den ganzen Körper in Schwingungen versetzt. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf die altbekannte, traurig-wütende Stimme, die über dem Beat schwebt. Mein Kopf lehnt am kalten Fenster. Es vibriert matt.

Als der Song vorbei ist, öffne ich die Augen. Noch eine Haltestelle und ich muss aufstehen. Schon jetzt schließe ich meine Jacke, starre hinaus in die Schwärze, dunkel und undurchdringlich, etwas, was es in der Stadt so nie gab. Ich rutsche Richtung Gang und stehe angestrengt auf, fühle mich leer und gleichzeitig so schwer als würde ganz Berlin auf meinen Schultern stehen. Meine graue Tasche hänge ich mir über die rechte Schulter, so wie immer. Ich wanke zur Tür, so wie immer. Ich drücke den “Stop”-Knopf, so wie immer. “Die Routine hat dich ja ganz schön schnell erwischt”, denke ich mir, “so wie immer.”

Der Bus bremst, hält, ich steige aus. Kein Wind. Kein Licht. Nur ein paar Tropfen fallen vom Himmel direkt in mein Gesicht. Ich laufe langsam los, der Bus neben mir fährt an und ich bewundere schon wieder diesen Moment, in dem wir kurz gleich schnell sind, bevor er endgültig abfährt. Ich schüttle matt den Kopf, als mir auffällt, worüber ich nachdenke. Nehme das Handy aus der Tasche und schalte einen Song weiter. Das Klavier spielt, ich fühle mich seltsam. Schwebend. Dieser Mann säuselt mir ins Ohr und ich hab das Gefühl, niemand spräche so sehr die Wahrheit wie er. Der Regen wird stärker. Ich blicke gen Himmel und freue mich über dieses Gefühl. Meine Füße bahnen sich den Weg durch die Schwärze fast allein, den Berg hinunter, vorbei am Kindergarten. Dann nach rechts – Schlüssel suchen – in den Briefkasten schauen – Tür aufschließen. Ich gehe die Treppe hoch. Das Licht bleibt wie immer aus. Schließe die Wohnungstür auf, dann die Zimmertür, ziehe die Jacke aus, die Schuhe, dann Hose, Socken und Pullover und werfe mich aufs Bett. Starre an die Decke. Meine Gedanken schreien mich trotz Musik an. Ziehen mich runter. Ich schließe die Augen, mache die Musik aus, und höre der absoluten Stille hier draußen zu. In der Stadt hätte es die nie gegeben. Der Gedanke macht mich traurig.

Mein Handy klingelt in die Stille und ich freue mich, so wie immer, über die Nachricht.

Eine Stunde später klingelt das Handy wieder, das Klavier aus dem Lied spielt, und ich freue mich über die Stimme auf der anderen Seite.

Noch eine Stunde später verabschiede ich mich. Bin traurig, als die Verbindung unterbrochen wird. Drehe mich um, wünsche eine gute Nacht und weiß schon jetzt, dass ich mindestens zweimal ohne Grund wach sein werde. Ich drehe mich auf die rechte Seite, schmiege mich in meine Wolldecke, weil man sie so hinlegen kann, dass man sich festgehalten fühlt. Schließe die Augen und falle in einen unruhigen Schlaf.

Ich stehe in einem kleinen Raum, wie es scheint bin ich allein. Mein Herz schlägt langsam, als müsse es sich zu jedem einzelnen Schlag durchringen. Ich sehe mich nicht weiter um sondern gehe gleich zur Tür, öffne sie und sehe diese riesige Wendeltreppe, die nach unten ins Nichts führt. Ohne zu denken beginne ich, sie hinunter zu gehen.

Nach wenigen Stufen komme ich an eine weitere Tür, die ich wieder öffne, und dort in dem Raum steht jemand, den ich auf den ersten Blick nicht erkenne. Ich sehe ihn auch eigentlich gar nicht, ich spüre seine Anwesenheit nur. An der Art der Anwesenheit spüre ich, wer es ist und freue mich so sehr, dass es der Mensch ist, den ich momentan so sehr vermisse. Ich falle ihm um den Hals, aber er erwidert die Umarmung nicht, so wie er es sonst tut, sondern sagt ganz ernst, dass wir jetzt die Treppe runter müssten. Ich lasse ihn los und gehe wortlos zurück zur Tür und blicke erneut die Treppe hinunter. Ins Nichts. Gehe Schritt für Schritt für Schritt und drehe mich hin und wieder um, um mich zu versichern, dass er noch da ist. Ohne Gesicht, wie alle Menschen in meinen Träumen, geht er hinter mir her, ich bleibe stehen. Er sieht mich an, ohne, dass ich ihn sehen kann, und ich weiß, was sein unsichtbarer Blick mir sagen will. “Ich hab Angst”, sagt dieser Blick. “Da unten wartet Etwas auf uns.”

Ich greife nach seiner Hand. Wir gehen weiter. Je weiter wir diese Treppe hinunter gehen, desto schwerer schlägt mein Herz. Es ist als würde es aus meiner Brust springen wollen. Langsam nehmen wir Stufe um Stufe, bis er stehen bleibt. Ich spüre seine Gänsehaut, fühle seinen Widerwillen und seine Angst. Lautlos gehe ich zwei Stufen wieder hinauf, bis wir auf Augenhöhe sind. Noch immer kein Gesicht, aber ich bemerke es nicht. Ich küsse seine Stirn, verspreche flüsternd, dass alles gut wird, drücke seine Hand und gehe weiter.

Die Treppe endet abrupt. Wieder eine Tür. Ich öffne sie ohne weiteres – und falle. Und er fällt mit mir.

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz rast schwerfällig, ich bin nassgeschwitzt. Die Dunkelheit umgibt mich. 2:51 sagt die Uhr. Ich stehe auf, öffne das Fenster und bekomme Panik, als ich die Autos draußen vorbeirauschen höre. Schließe es. Mache das Licht an. Mache es aus. Mein Herz rast. Ich lege mich wieder hin, stehe wieder auf. Mache den Fernseher an, mache ihn aus. Mache das Radio an. Mache es aus. Öffne die Tür, schließe sie. Mache sie auf, gehe in die Küche, das Licht brennt. Lasse das Wasser laufen, stelle den Wasserkocher an. Gehe zurück  in mein Zimmer. Lege mich hin. Schließe die Augen. Mein Herz rast. Es ist als müsse es raus, als fordere es mich auf ein Messer zu holen und es raus zu lassen. Da ist etwas in mir. Es lässt mich seit ich hier bin nicht mehr schlafen. Mit dem Bild eines Dosenöffners in meiner Brust schlafe ich schließlich wieder ein, um weitere 3 Male diese Nacht aufzuwachen, und nicht zu wissen, warum. Mit dem Gefühl, etwas fräße mich von Innen auf.

Stillleben.

Es ist dunkel. Von der Straße scheint schummriges oranges Licht an die Decke, lässt Stuck erahnen. Es ist nicht kalt, und doch friert sie. Draußen klopfen vereinzelt Regentropfen an die zwei großen Fenster, als beten sie darum, hineingelassen zu werden. Sie liegt auf einer Matratze, die wiederum auf dem Boden liegt, in zwei Decken gefüllt, eine lila, die andere bunt gestreift. Ihr Kopf ruht auf dem Kissen, während sie auf der rechten Seite liegend das rote Licht am Fernseher anstarrt. Ihr Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, schmiegen sich die blonden Locken an das Kissen. Die Tür, den Fenstern gegenüberliegend, ist weit geöffnet. Auf dem Boden sammeln sich Kleidung, Schuhe, Zettel und Bücher, sowie Stifte und zwei alte Kameras.
Sie hat die Knie hochgezogen und die linke Hand auf ihrem rechten Hüftknochen, die Füße trotz Seitenlage umeinander geschlagen. Die Härchen auf ihren Armen stellen sich auf, jedesmal, wenn sie den Boden unter sich vibrieren spürt. Bis auf den Regen ist es vollkommen still.
Wenn sie genau hinhört, klingt leise das Ticken der Uhr aus der Küche in ihr Zimmer hinüber.
Glänzend hinterlässt eine Träne eine Spur auf ihrem Gesicht. Sie zieht sich raschelnd die Decken über den Kopf, kurz darauf herrscht wieder absolute Stille. Als sei diese Wohnung so tot und verlassen, wie sie sich in Wirklichkeit fühlt.

Nacht.

Es ist dunkel in seinem Zimmer. Von draußen schimmert der Neumond sanft durch den nur halb und herzlos zugezogenen Vorhang. Reglos liegt er einfach nur da, in seinem in der Mitte des Zimmers stehenden Bett, und starrt nach oben ins Nichts, kann nicht schlafen, nicht einmal die Augen schließen. Er dreht sich auf die rechte Seite, in Richtung des kleinen Fensters, das Mondlicht leuchtet sanft in sein Gesicht. Ein schönes Bild, würden seine braunen Augen den Blick nicht so leer und trüb ins Nichts lenken.
Nacht um Nacht liegt er so da und denkt, ohne Gedanken fassen zu können. Bilder zucken durch seinen Kopf, fremde Stimmen erzählen Geschichten von früher. Er schüttelt seine Haare aus den Augen, dreht sich nach links. Als er die Augen schließt, werden die Stimmen lauter, die Bilder deutlicher, bedrohlich. Die Decke über seinen Kopf gezogen liegt er kurz da, bekommt aber schnell keine Luft mehr. Das Ziehen in seiner Brust wird stärker, schmerzhafter, unerträglich, und schließlich öffnet er seine Augen wieder, schlägt die Decke zur Seite, setzt sich auf und sieht hinaus auf die Straße. Mit der rechten Hand fährt er sich durch die Haare, bevor er sein Gesicht in beiden Händen versteckt. Seine nackten Füße berühren den eiskalten Laminatboden.
Lange sitzt er so da, versucht an nichts zu denken und landet doch immer wieder dort, wo seine Gedanken nicht hin gehören. Er hört unter den tausend fremden Stimmen eine bekannte, und sie treibt ihn in den Wahnsinn.
Er steht auf, geht ans Fenster. Auf dem Fensterbrett liegen Zigaretten und Feuerzeug, und er raucht seine elfte diese Nacht, öffnet das Fenster und lehnt sich hinaus in die eiskalte Dunkelheit. “Ohne Vergangenheit sind wir niemand”, denkt er. Sekunden, Minuten verstreichen, und er raucht noch eine weitere Zigarette, während sich seine Erinnerungen verflüchtigen. Der Schmerz in der Brust lässt  langsam nach, wenn er auch nie ganz verschwindet, wird er nun doch erträglich. Er zündet sich noch eine an, die letzte dieser Nacht, schließt das Fenster, legt sich aufs Bett, nimmt den Aschenbecher vom Boden in die Hand.
Er flüstert in die Schwärze, gefolgt vom Rauch der Zigarette. “Ich wär so gern niemand.” Und in ihm wird es dunkler als die Nacht je sein könnte.

Advertisements