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24. November ’14, 15:28 Uhr, Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Im Hintergrund verschwand die Stadt im Nebel, als sie im Zug nach Nirgendwo saß. Ihr Blick gehörte den frisch gepflügten Feldern, die noch dunkelbraun leuchteten, während das Gras am Rand des Gleisbetts bereits grau wurde. Sie versuchte, sich an den Sommer zu erinnern, aber alles, woran sie sich erinnerte, waren die langen Gänge, die weiße, steife Bettwäsche und der Geruch nach Desinfektionsmittel. Sie hatte das Gefühl, einen großen Teil von ihrem Leben verpasst zu haben, während sie dort im Krankenhaus gewesen war.
Sie schüttelte den Gedanken ab, indem sie in ihrer Tasche nach einem abgegriffenen Buch zu suchen begann. Es dauerte ein wenig, bis sie in den Tiefen der grauen Tasche das schwarze Buch und den passenden Stift gefunden hatte, aber als es ihr in die Finger fiel, fing sie unbeirrt an, darin zu schreiben, obwohl ihr Sitznachbar mitzulesen schien.

24. November ’14
15:28 Uhr
Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Das stimmte nicht. Aber das interessierte später nicht mehr.

Hier sitze ich, und warte, dass die Zeit vergeht. Seit ich die Kammer des Schreckens verlassen habe, scheine ich gelernt zu haben, einfach zu warten, ohne mich zu langweilen, fast wie ein Hund, der stundenlang dem Schnee beim Fallen zusehen kann.
Hinter mir verschluckt der Nebel die Stadt und mit ihr alle Erinnerungen an das letzte Jahr, und auch wenn es weh tut, von hier fort zu fahren, ist es wohl das einzig richtige. Wahrscheinlich blicke ich in ein paar Monaten auf die Zeit zurück und bin zufrieden mit meiner Entscheidung.
Vielleicht ist es meine letzte Chance nach Hause zurück zu kehren, bevor die Stadt mich mit Haut und Haaren verschluckt und im Dunkeln hält, wie einen Gefangenen im 16. Jahrhundert, mit Fesseln und ein bisschen Wasser.
Ich verstehe jetzt, warum Großvater damals Hamburg verlassen hat, um Großmutter zu heiraten.
Ich verstehe, warum sie auf dem Land glücklicher geworden sind.

Sie bracht ab und sah nach rechts, ihrem Mitfahrer direkt in die Augen. Er musterte sie seltsam, bevor er den Blick abwenden konnte. Wir fahren doch nicht nach Breslau, und Nacht ist auch nicht, nuschelte er vor sich hin. Sie ignorierte ihn, schlug das Buch zu, klemmte den Stift daran und ließ beides wieder in der Tasche verschwinden.
Wie ein Hund, der dem Schnee beim Fallen zusieht, dachte sie, lächelte, und freute sich auf ihr altes Leben, fernab von Lärm, Unfreundlichkeit und Kälte, als sie den Nebel hinter sich ließ.

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Wind.

Sie legte ihren Stift beiseite. Die Seiten des Blocks waren voll, ihr Körper fühlte sich leer an, alles war wieder in Ordnung. Sie stand vom Schreibtisch auf, ihre nackten Füße machten seltsam platschende Geräusche auf dem Korkboden. Sie löschte das Licht als sie den Raum verließ und machte die Lampe im kleinen Treppenhaus nicht an. Als sie die Treppe herunter ging, bemühte sie sich, leise zu sein, um ihre Kinder nicht zu wecken, die im Raum nebenan schliefen. Unten angekommen stand sie eine Weile still in der Dunkelheit ohne zu spüren, wie die Kälte aus den Fliesen ihre Knöchel empor kroch. Wie lange war es jetzt her dass er sie verlassen hatte? Sieben Monate. Eigentlich sechs Monate, drei Wochen und fünf Tage. Sie dachte an den Tag zurück, an dem sie ihn mit seinem Koffer in der Tür hatte stehen sehen, sie wusste noch wie er sie angesehen hatte, so mitleidig. Seine letzten Worte an sie waren etwas wie Ich komme die Kinder besuchen, aber daran erinnerte sie sich nur noch verschwommen.
Im Radio lief damals Men in black. Wie albern, dass sie ausgerechnet dieses Detail behalten hatte.
Er hatte die Tür geschlossen und war gefahren, mit ihrem alten, roten Volvo, seitdem hatte sie kein Auto mehr, aber das machte nichts. Sie konnte mit dem Bus fahren.
Sie löste sich aus ihrer Starre und ging durch das Wohnzimmer auf die Terrasse. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Blick auf die Uhr, sie zeigte 3.41 Uhr. Der Wind draußen war kalt, obwohl schon Mai war, und sie zog ihre viel zu große Strickjacke enger um sich. Barfuß tapste sie den schmalen, von großen Kieseln gesäumten Holzsteg entlang, ihr glattes braunes Haar glitt ihr über die Schultern wie ein Bach und schaukelte bei jedem ihrer Schritte leicht von einer Seite zur anderen. Nach wenigen Schritten verließ sie den Steg und trat in die Kiesel, etwas, was ihr Mann nicht gern gesehen hätte. Sie waren eiskalt und taten ein wenig weh. Durch das Kieselbeet führte sie ihren Weg nach links fort, vorbei an den Forsythien und den noch kleinen Stauden, bis sie schließlich über die kleine Buchsbaumhecke stieg und somit das Gundstück verließ. Sie stand mitten in den Dühnen.
Wenig später fand sie sich am Strand wieder.  Der Wind war hier stärker und kälter, sie fror. Sie dachte an ihre Kinder, die Kleine, grade erst 4, und ihren großen Bruder, er wurde in wenigen Wochen schon 8. Er mochte die Schule, es machte ihm Spaß zu lesen und zu schreiben, nur rechnen konnte er noch nicht so gut wie seine Mitschüler. Ihr Haar flog ihr ins Gesicht, der Wind kam aus Südwest, wehte den Sand Richtung Meer. Langsam lief sie auf das Watt zu, vollkommen in Gedanken versunken, bis der weiche Untergrund ihre Beine bis zu den Knöcheln aufgesogen hatte. Es roch nach Schlick, dem schlammigen, faulig riechendem schwarzen Sand unter der obersten Schicht, er bedeckte ihre Beine. Sie ekelte sich, blieb aber stehen. Ob ihre Kinder sie suchen würden? Sie hatte den ganzen Block ohne Punkt und Komma vollgeschrieben, man würde wissen was sei, aber was war mit den Kindern?
Sie wartete, bis die Flut kam.
Der Wind drehte, so wie er es immer tat, wenn es Tag wurde.
Das Meer kam zurück an den Strand.
Sie dachte an Maike und Paul. Maike, mit ihren niedlichen rotblonden Locken, und Paul, der ein wenig aussah wie die menschgewordene Version von Pumuckl, beide hatten seine Haarfarbe.
Das Wasser stand ihr bis zu den Knien und wusch den schwarzen, stinkenden Schlamm ab.
Der Wind wehte ihr den Kopf frei.
Sie wartete.

Als ihre Kinder um kurz nach 8 aus ihren Zimmern krochen, protestierten sie laut, weil ihre Mutter sie nicht geweckt hatte um zur Schule zu gehen. Sie riefen, bekamen aber keine Antwort. Erst als sie in ihrem Schlafzimmer standen, reagierte sie. Die Fenster standen weit offen, der Wind ließ die Vorhänge fliegen. Die Sonne strahlte.

Was machst du da, Mama? fragte Paul und starrte seine Mutter an.
Ich packe. Wir ziehen um.
Aber ich will nicht umziehen. protestierte Paul. Ich will hier bleiben.
Wir gehen.

Sommersonnenwende.

Sie saß in diesem Moment wieder auf der Bank, auf der sie im Winter schon gesessen hatte, wartete noch immer auf den alten Mann mit seinem noch viel älteren Hund, beide so traurig, dass sie sich nie traute zu fragen, was ihre Augen schon gesehen hatten. Der Mann war eines Tages verschwunden, irgendwann im Winter, im tiefsten Schnee, und sein Hund war mit ihm fort. Lange hatte sie neben beiden gesessen, einfach nur gesessen, gewartet, auf Dinge, die nie passieren würden, solange sie nicht begann, etwas zu riskieren, aber der Typ Mensch war sie nicht. Und jetzt waren sie fort und mit ihnen ihre Hoffnung und die Wärme in ihrem Herzen. Da saß sie also. Starrte in die untergehende Sonne und überlegte, so weit weg von Zuhause, doch wieder dorthin zurück zu kehren. Wie ein paar Fremde das Leben beeinflussen können, überlegte sie. Sie stand auf.

Den gepflasterten Weg entlang schlendernd starrte sie, wie jedes Mal, auf ihre Schuhe, die blauen, von der Zeit gezeichnet. Als sie im Schatten eines Hauses verschwand, bekam sie eine Gänsehaut. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, den Blick noch immer gesenkt, lief sie Richtung Unterstadt. Fast wäre sie gefallen, als sie einen Mann übersah, der auf dem Boden schlief, und über ihn stolperte. Er grummelte, zog seinen Strohhut zurecht, griff nach der großen Kauflandtüte mit der Deutschlandfahne und machte sich auf den Stufen noch kleiner. Sie überkam ein ungutes Gefühl, als ihr auffiel, wie sehr sie ihn anstarrte, seit sie ihn sah. Sich hastig entschuldigend und den Blick von seinen zerfetzten Schuhen abwendend drehte sie sich um. Sein Blick bohrte sich in ihren Rücken, obwohl der Strohhut seine Augen und ihren Rücken voneinander trennten wie eine Wand. Je weiter sie in die Unterstadt kam, desto kälter wurde ihr. Sie bog instinktiv irgendwann in eine Gasse rechts von ihr. Die Stille, die hier herrschte, kroch bösartig in ihren Kopf und malte bunte Bilder von allem, was sie die letzten Tage zu verdrängen versuchte. Noch einmal links, dann wieder rechts, der Schatten der Dämmerung zeichnete ihr Abbild lang und dürr auf die Straßen. Die Gasse mündete in einen Weg, der von Bäumen gesäumt war. Sie beschloss wieder bergauf zu laufen. Vorbei an dem einem Vogelhaus, in dem die tausend Stadttauben lebten, fand sie sich bald bei den überdimensionierten Schachfiguren wieder. Müde ließ sie sich auf die Bank daneben fallen. Wie lange schon hatte sie nicht mehr richtig schlafen können, weil ein zu großer Teil fehlte? Sie war sich nicht mehr sicher. Es war ihr egal geworden. Als es dunkel wurde, stellte sie Bauern, Türme, Springer, Läufer, Könige und Damen auf ihre Plätze um sich danach in ihre Mitte zu setzen. Dort saß sie, bis ihr kalt wurde, und starrte den von grünen Algen überzogenen Figuren in die toten Augen. Kein Gedanke kam ans Licht, nichts von dem was sie vor ihrem inneren Auge sah, würde jemals ihren Kopf wieder verlassen. Sie stellte sich hinter die weißen Figuren, wie damals. Sie spielte die Anfangszüge, einen nach dem anderen, und sie wusste wie ihr Gegenüber gespielt hätte, wäre es da gewesen. Seit langem hatten sie die immer gleichen Züge gespielt, wieder und wieder, ohne jemals auch nur einen Zug zu überspringen. Und immer begann weiß. Und immer gewann schwarz.

Als sie Matt setzte, fiel der weiße König, und sie setze sich wieder auf die Bank, weinte leise und heimlich ins Dunkel. Der Regen hatte so langsam eingesetzt, dass sie ihn erst jetzt bemerkte, obwohl sie völlig durchnässt war. So saß sie noch eine Weile da, bis sie den Marker aus ihrer Tasche holte und auf die Bank, auf der der alte Mann und sie gesessen hatten, schrieb, in unleserlicher Schrift, weiß auf grünem Plastik:

Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken.

Verlassen.

Er steht allein im Dunkel, weiß nicht wo er ist. Sein Körper fühlt sich seltsam leicht und fremd an, als wär es nicht seiner, sondern der eines Kindes. Er blinzelt und langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit, die an diesem Ort herrscht. Diese Dunkelheit ist matt und samtig, wie der dicke Vorhang vor den Fenstern der Ferienwohnung, in der sie damals oft im Sommer waren. Aus der Dunkelheit heraus kristallisiert sich langsam, immer klarer ein exakt quadratischer Raum. Es gibt keine Tür, keine Fenster, keine Lampen, keinen Bodenbelag und auch keine Tapeten an der Wand, nur sanfte Dunkelheit und ein ebenfalls quadratisches Bett in der Mitte des Raums. Als er ein paar Schritte geht, machen diese kein Geräusch. Er versucht zu sprechen, doch er bekommt keinen Ton raus.

Im selben Moment wird an einem anderen Ort eine Tür geöffnet, ein Name wird gerufen, es kommt keine Antwort. Selbige Tür wird geschlossen. Es ist wieder still.

Er lässt die Schultern hängen, läuft lautlos auf das Bett zu. Anstatt sich zu setzen geht er einmal herum – es sieht von allen Seiten gleich aus, erst jetzt setzt er sich. Es gibt eine Decke, ein Kissen liegt in der Mitte darauf.

Wieder wird an einem anderen Ort die Tür geöffnet, fragend wird der gleiche Name erneut gerufen, wieder kommt keine Antwort. Eine Frau tritt heraus, sie trägt ihr langes, einst dunkelbraunes, nun bereits grau durchzogenes Haar wie immer zu einem Pferdeschwanz, hat ihre Hausschuhe an. Sie ruft weiter fragend den Namen, und ob alles in Ordnung sei. Sie beschleicht ein seltsames Gefühl.

Er sitzt noch immer auf diesem Bett, wartet. Wartet, dass etwas passiert, dass er etwas hört oder sieht, was er jetzt nicht hört, nicht sieht, aber es geschieht nichts. Er versucht die Sekunden zu zählen, still, nur für sich, aber er kann nicht zählen, er schafft nicht, die Zahlen in eine Reihenfolge zu bringen. Er schüttelt den Kopf. Er ist müde.

Die Frau läuft nach vorn auf den Hof, und ja, dort steht der neue Firmenwagen ihres Mannes, den er erst heute geholt und nun einräumen wollte. Sie lächelt und bleibt stehen. Wie lange hatte er sich auf diesen Wagen gefreut? Lange hatten sie darauf gewartet, das neue, große Auto endlich das erste Mal fahren zu dürfen. Im Vergleich zu ihrem alten Wagen war dies eine Stretchlimo, und sie lacht bei diesem Gedanken leise vor sich hin.

Er legt sich auf dieses Bett, in diesem Raum, und rollt sich ein wie eine alte Katze, schwerfällig und langsam. Er schließt die Augen, aber es bringt nichts. Lange liegt er da, ohne einzuschlafen.

Sie läuft weiter auf das Auto zu, ruft den Namen, und als sie um den Wagen herum geht, trifft sie der Schlag. Da liegt der Mann, den sie gerufen hat. Bewusstlos und seltsam verdreht. Ihr Atem geht, obwohl sie still steht, schnell und stockend, ihr Herz rast. Erst nach wenigen Sekunden kann sie sich aus ihrer Starre lösen und sich wieder bewegen. Sie rennt zurück zum Haus.

Er hat sich mittlerweile die Decke über den Kopf gezogen und guckt wie ein scheues Tier durch einen Spalt in den Raum. Noch immer passiert hier nichts, rein gar nichts. Er schließt seine Augen wieder und bleibt einfach liegen, leblos, lieblos, allein.

Sie hat bereits den Rettungsdienst gerufen, sitzt nun auf dem Boden neben dem Firmenwagen und hält den Kopf ihres Mannes. Sie zittert vor Angst, fühlt sonst gar nichts. Der Rettungswagen biegt um die Ecke und fährt auf die Auffahrt, aus dem Auto steigen zwei Männer, beeilen sich, wirken mechanisch. Sie nehmen ihn ihr weg, untersuchen, ein Hubschrauber wird gerufen. Das Gefühl kommt zu ihr zurück und sie beginnt nun endlich zu weinen, die Hände vor den Augen steht sie zusammengesunken da und weint, laut, herzzerreißend. Als hätte ihr jemand unendliche Schmerzen zugefügt.

Er liegt mit geschlossenen Augen unter der Decke, fährt sich mit einer Hand durchs Gesicht und wartet. Er kann nicht denken, nicht hören oder reden, noch immer fühlt er sich unwirklich leicht, fast schwerelos. Unbewusst dreht er sich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. In seinem Kopf ist nichts, nur Dunkelheit, genau wie in diesem Raum.

Man nimmt sie im Rettungswagen mit, bringt sie hin wohin der Hubschrauber, der vor kurzem gelandet ist und in den sie ihrem Mann gelegt haben, hinfliegt. Sie weint noch immer, aber jetzt nicht mehr laut und schrill, sondern leise und für sich. Man hat ihre Kinder bereits angerufen.

Er öffnet seine Augen wieder, kriecht aus seiner Höhle raus, läuft unschlüssig um das Bett herum und betrachtet die leeren, glatten Wände.

Im Krankenhaus angekommen wird ihr erklärt, ihr Mann sei nun im OP, man tue das Möglichste, aber versprechen könne man nichts. Es stehe nicht gut. Sie fühlt sich kalt und leer. Die Sterilität dieses Ortes hat ihre Gefühle getötet, wie das Desinfektionsmittel im OP unerwünschte Keime tötet. Er liegt auf dem OP-Tisch und die Ärzte versuchen das Blut, dass seit Ewigkeiten auf sein Gehirn drückt, abzulassen.

Gäbe es an diesem Ort Zeit, stünde er nun schon seit Stunden vor einer Wand und betrachtete die Leere. Für ihn fühlt es sich an als stünde er schon immer hier und gleichzeitig erst seit wenigen Augenblicken.

Stunden vergehen und man benachrichtigt sie immer wieder über den Stand der Dinge. Schwestern und Ärzte hetzen geschäftig über die kalten Flure und sie sitzt vor der Intensivstation, auf der ihr Mann nun liegt. Die Kinder sind vor etwa 45 Minuten eingetroffen, sie laufen ebenso wie Ärzte und Schwestern scheinbar sinnlos und ohne Konzept durch die Räumlichkeiten und finden an nichts Halt. Ihre Angst steht ihnen in die Augen geschrieben.

Er steht noch immer.

Eine Schwester tritt auf sie zu und sagt, sie dürfen nun zu ihm. Die Frau stürzt durch die schwere Tür der Intensivstation und steht einen Moment später verloren in einem kalten, weißen Zimmer ohne Vorhänge. Dort liegt ihr Mann, vollkommen reglos.

Es vergehen noch einige Stunden, in denen Ärzte und Schwestern immer wieder zu ihnen kommen und Worte wie Wachkoma, Pflegefall, und keine Hoffnung fallen viel zu oft.

Der Raum in dem er sich befindet wird langsam immer dunkler. Er legt sich irgendwann wieder auf sein Bett, macht es sich bequem und starrt in die Leere, wo die Decke sein müsste. Er schließt seine Augen, dann öffnet er sie wieder, dann schließt er sie erneut. Er ist sich seiner Selbst nicht mehr bewusst.

Sie hält seine Hand, und als die Maschinen zu piepen beginnen, rennen hektisch Menschen in den Raum. Man nimmt ihre Hand und bringt sie wieder auf den Flur, Rollos und Türen werden geschlossen, man lässt sie und die Kinder wieder allein. Sie fühlen sich leer.

Sein Raum beginnt zu verschwimmen, sein leichter Körper wird immer schwereloser, er hält die Augen geschlossen, als er ein Blitzen wahrnimmt – und für immer im Nichts verschwindet.

Man tritt hinaus auf den Flur, spricht ihnen Mitleid aus. Es sei zu spät, man hätte nichts mehr für ihren Mann tun können. Es sei so besser für ihn.

Tage vergehen und die Gefühllosigkeit bleibt. Man tritt als Familie an sein Grab, als die Urne eingesetzt wird. Man weint viel, die meisten gehen nach der angemessenen Zeit. Sie steht noch Stunden dort vor dem frischen Grab, ganz in schwarz, die Haare wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, weint leise.

“Du hast uns viel zu früh verlassen.”, sagt sie ein letztes Mal. Dann dreht sie sich um und geht.

Noah.

– Für einen Freund.

Er befand sich am Straßenrand, direkt gegenüber des S- und U-Bahnhofes, und starrte leer den vorbeifliegenden Motorengeräuschen hinterher. Es war dunkel und kalt und er war allein, ganz allein, und stand dort im Schnee. Er, das war Noah, der Junge, der nicht gesehen wurde und der niemanden sah. In der rechten Hand, die, ebenso wie seine linke, von einem löchrigen, fingerlosen schwarzen Handschuh bedeckt wurde, hielt er ein Buch. Er klammerte sich an diesen Papier- und Buchstabenhaufen, als sei es sein Leben. Er trug eine einfache dunkelbraune Stoffmütze, einen dicken, aber für ihn zu kleinen grauen Mantel, ausgewaschene, ausgebeulte Jeans, die am rechten Knie leicht zerschlissen war, und ehemals schwarze Stoffschuhe. Er stand dort und lauschte, drückte das Buch mit der Rechten an seine Brust. Sein Herz schlug schnell, aufgeregt, und ihm war, als würde es ihm aus der Brust springen wollen, als bräche es ihm die Rippen. Er fasste das Buch fester. Seine Nägel gruben sich in das Papier, er atmete die eiskalte, scharfe Luft tief ein. Er lauschte, und dann ging er einen Schritt auf die Straße zu. Ein aufgebrachtes Hupen von links war zu hören, er ignorierte es aber, atmete tief und lief langsam geradeaus über die Straße.

Noah dachte dabei an Lichter, und wie er dem Licht entgegen lief. Licht, dass er hier nicht sehen, dafür aber spüren konnte. Er spürte, wie das unsichtbare Licht ihn zu sich zog, und wie der Schnee unter seinen kalten, durchnässten Füßen zusammengedrückt wurde. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und blendete dabei das Getöse in seiner Umgebung vollkommen aus. Für einen Moment bestand er nur noch aus Gefühl und Instinkt. Wie in Trance steuerte er auf die andere Straßenseite zu und kam erst wieder zu sich, als er einen festen Druck an seinem rechten Oberschenkel spürte. Wie durch Watte hörte er das Hupen, es wurde langsam lauter und klarer, bis ihm bewusst wurde, dass er mitten auf der Hauptstraße stand und das Auto ihn beinahe überfahren hatte. Er begann zu zittern.

Das Buch noch immer an die Brust gepresst, spürte er eine Hand, die seine linke griff und ihn vorwärts, in Richtung des Bürgersteigs zog. Er stolperte benommen hinterher, spürte das Licht nicht mehr, dem er gefolgt war. „Junge, bist du lebensmüde?“ fragte eine alte, traurige Stimme. Seine Hand wurde noch immer gehalten. Es war warm und kribbelte unangenehm, und er versuchte sie aus dem Griff zu lösen, was ihm nicht gelang. Stattdessen presste er sein Buch fester an sich. „Pass auf, Kleiner“, sagte die Stimme. „Du zitterst ja. Komm. Ich kauf dir einen Kakao.“

Noah ließ sich widerwillig mitschleifen. Am liebsten hätte er protestiert, doch er konnte nicht, er konnte noch nie. Die warme Hand hielt seine fester, zerrte fast. Das unangenehme Kribbeln in seinen Fingern wich wahrem Schmerz. Aber Noah schwieg. Die Stimme redete noch immer auf ihn ein, fragte, wer  er sei, und warum er mitten in der Nacht blind auf die Straße spaziere wie ein Wahnsinniger. Noah schwieg. Die traurige Stimme erzählte, sie hätte sich erschrocken, und hatte selbst mal miterlebt, wie ein Kind angefahren wurde. Sie redete und redete aber Noah schwieg noch immer. Er hörte auch nicht zu, wenn es doch den Anschein hatte. Er ließ sich von der Hand der Stimme führen, und dabei waren seine Gedanken längst wieder an einem anderen Ort.

Er stand auf einer Wiese, es war Spätsommer. Die Blumen blühten in allen nur erdenklichen Farben und brachten das lange, im Wind wogende Feld zum Leuchten. Er lief der Sonne entgegen in die Ewigkeit dieser Wiese hinein, und am Ende der Wiese stand …

Mit einem Stoß wurde er zurück ins Jetzt befördert. „Entschuldigung“, sagte die Stimme. Aber nicht zu Noah. Er hörte das Stimmengewirr hunderter Menschen und duckte sich instinktiv. Von überall schienen sie zu kommen und er konnte ihre Blicke auf sich kleben spüren. Kalt lief ihm der Schweiß den Rücken hinunter. Er hasste diese Art der Begegnung mit Fremden. Der Raum, in dem sie nun waren, und es musste ein Raum sein, denn er spürte den Windzug nicht mehr, war groß und klang hohl. Schuhsolen trampelten wie lauter Regentropfen auf den Boden. Irgendwo unter ihnen bebte die Erde, als eine U-Bahn einfuhr. Die traurige Stimme zog plötzlich wieder an seinem Arm, als sie sich in Bewegung setzte, und Noah ließ sich wieder mitziehen. Er sah, wie diese Stimme ihn zwischen all den Menschen hindurch manövrierte, beinahe tanzend allem auswich, das im Weg stand. Er hing wie ein plumpes Bündel am Arm dieser Stimme. Als sie sich langsam den Weg durch die Massen bahnten, schloss Noah die Augen, und blickte noch einmal der Sonne entgegen.

… Dort am Ende der Wiese stand sie, und sie lachte und rief seinen Namen. „Noah, komm!“, und sie drehte sich im Kreis, bis sie umkippte. Noah rannte ihr entgegen, mit ausgebreiteten Armen, lachte laut und frei und freute sich so sehr, mit ihr hier sein zu dürfen, auf dieser Wiese, im Spätsommer, zwischen all den strahlenden Blumen, die beinahe genauso bunt leuchteten wie sie. Er rannte und rannte, und die Gräser schlugen ihm gegen die nackten Waden. Völlig außer Atem blieb er inmitten der Blütenpracht stehen und sog die warme Luft tief ein. Er beugte sich runter, stützte die Hände auf die Knie und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.

„Setz dich, Junge.“ Die traurige Stimme klang erwartungsvoll. Wo auch immer er war, es war sehr viel wärmer als noch vorhin in der großen Halle, und es roch nach Kaffee und Apfelkuchen. „Möchtest du ein Stück Apfelkuchen zu deinem Kakao?“ Er nickte stumm. Seine Gedanken folgten den Schritten der Stimme an den Tresen, hörten, wie Apfelkuchen und Kakao mit Sahne bestellt wurden. Dabei mochte er gar keine Sahne in seinem Kakao. Aber Unhöflichkeit lag ihm fern, und er beschwerte sich nicht, als ihm die Tasse vor die Nase gestellt wurde. „Kleiner“, sagte die Stimme. „Warum starrst du so traurig?“

Noah richtete sich auf, sein Atem ging noch immer schnell. Sein Herz raste wie verrückt. Er rannte langsam weiter, sprintete nicht mehr auf das Ende der Wiese zu, versuchte aber trotzdem, sich zu beeilen. „Luca!“, rief er. „Luca, wo steckst du?“ Sie antwortete ihm nicht. Er konnte nicht so schnell atmen wie seine Lunge nach Luft verlangte, und begann zu husten. Er bekam ein wenig Angst, weil sie nicht auf seine Rufe reagierte. „Das ist nicht witzig! Lass das!“ verlangte er zwischen den krampfhaften Hustenanfällen. Die Farben der Wiese verschwammen vor seinen Augen. Er bekam keine Luft. „Luca!“, rief er noch einmal. Blieb stehen. Atmete tief ein und aus, bis ihm nicht mehr schwindlig war.

Er senkte den Blick. „Mir tut leid, dass ich Sie so erschrocken habe.“ Schweigen. „Ich wollte niemandem Angst machen.“ Noch immer schweigen. „Ich wollte doch nur zu ihr laufen“, fügte er leise hinzu und umfasste mit der freien Hand seinen Kakao. „Ist schon okay“, sagte die Stimme. „Zu wem?“

„Hier bin ich!“ Ein Lachen folgte. Er war ein wenig wütend auf sich selbst, weil sie ihn noch immer so hinters Licht führen konnte, ohne dass er etwas davon bemerkte. Er richtete sich auf, und die Sonne verschwand für einen Augenblick hinter einer Wolke. Das Feld wirkte nun gar nicht mehr so bunt. Es sah ausgewaschen, alt, vertrocknet aus. Irgendwie tot. Er fror in der warmen Sommerluft. Langsam setzte er sich in Bewegung und lief wieder dem Ende der Wiese entgegen. Seine Beine juckten vom Gras als hätten tausend Mücken ihn gestochen, seine Knie zitterten und der Angstschweiß klebte ihm sein Shirt an den Rücken. Er ging ein paar Schritte weiter, und da lag sie, und grinste ihn an. Ihr rotblondes Haar hing im Gras, und ihr buntes Kleid lag in tausend Falten. Er warf sich neben sie. Atmete tief ein und wieder aus. Die Sonne kam wieder hinter der Wolke hervor. „Mach das nie wieder.“

Er nahm einen großen Schluck seines Kakaos und zog eine Grimasse, als er die Sahne schmeckte. „Kleiner“, sagte die Stimme, „sag mal, wie alt bist du überhaupt?“ „Fünfzehn.“ „So jung und schon so traurig?“ Er antwortete nicht, stattdessen krallte er sich an seinen Kakao. Er kannte diese Stimme nicht, und auch wenn sie nett zu sein schien, wusste er doch nicht, ob er ihr trauen konnte. „Bitte“, stammelte er, „lesen Sie mir ein bisschen aus meinem Buch vor?“ Schweigen. „Nur ein wenig…“ „Na gut, zeig mal her.“ Er legte sein Buch nun auf den Tisch. Es hatte einen roten Umschlag und wirkte in seiner Sterilität wie ein Fremdkörper auf dem schmutzigen Tisch im Bahnhofscafe. „Seite 109. Der Brief, erster Absatz.“

Nicht eine Minute willst Du von unserer letzten Nacht verschlafen, hast Du gesagt, und jetzt schläfst du, mein Lieber. Erinnerst Du Dich an die Jünger auf dem Ölberg? Vielleicht schlafen wir immer, wenn wir es am wenigsten dürften. Ich könnte Dich wecken, damit du mit mir wachst. Aber was hülfe es? Einmal muss ich doch heulen, wie ich jetzt heule, und da ist es schon besser, ich tu es jetzt, wo es nur drei Schritt ist bis zu Dir oder ein Wort.

„Danke.“

Die Sonne schien, wärmte ihn aber nicht. „Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal ohne dich leben kann.“ Luca blickte ihn an. „Kannst du“, antwortete er. „Ich weiß nicht, ob ich ohne dich leben will.“ „Musst du nicht. Ich bin da.“ Sie war schön, wie sie hier im Gras lag und ihn so ernst ansah. Er hätte sie wohlmöglich geliebt, wenn sie nicht seine Schwester wäre. Nicht blutsverwandt, aber doch so viel mehr als nur Freunde. Ihre Augen waren so grün und ihr Haar so glänzend und ihre Stimme so vertraut und ihre Bewegungen so geschmeidig. Niemand kannte ihre Gedanken so wie er, und niemand würde sie wieder so kennen lernen.

„Zu meiner Sonne. Meiner Schwester.“ Er spürte, wie das Buch zugeklappt und zurück über den Tisch geschoben wurde. Er griff es, und die Hand der Stimme legte sich auf seine. Sie war warm, aber diesmal nicht so unangenehm wie vorhin im Schnee auf der Straße. „Sieh mich an, Kleiner. Starr nicht so traurig, ich bitte dich.“ „Ich kann nicht.“ Wie viel Wahrheit in dieser einfachen Antwort lag, begriff die Stimme erst jetzt.

„Für immer, nicht wahr, Noah?“ „Natürlich. Du bist doch meine Schwester. Und Geschwister können niemals ohne einander.“ Sie lagen da, im hohen Gras, auf einem Feld, und waren glücklich, solange es anhielt. Luca las ihm vor, erzählte großartige Geschichten aus fremden Ländern oder zeigte ihm die Wolken, die aussahen wie Tiere. Sie phantasierten sich in andere Zeiten, andere Welten, lebten in der Zukunft und in der Vergangenheit zugleich, teilten alles und noch sehr viel mehr. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, lagen sie noch immer nebeneinander im hohen Gras. Als Noah sagte, er müsse langsam los, fragte sie ihn, was er denke, wie viele Mohnblüten wohl auf diesem Feld blühten. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Vielleicht tausend. Vielleicht Millionen. Aber bestimmt nicht so viele wie es Sterne gibt.“ Sie lächelte. Schweigend standen sie auf, liefen langsam bis ans Ende des Feldes, nahmen ihre Fahrräder vom Boden auf und fuhren los. Bedächtig und still, bemüht möglichst wenig Geräusche zu machen, fuhren sie zurück in das kleine Dorf. Ein Motorengeräusch kündigte ein Auto in der Ferne an.

„Ich bin blind.“

Sie hörten es, konnten es aber nicht lokalisieren. Es wurde mal lauter, mal leiser. Luca ließ einen Fuß vom Pedal gleiten und durch das hohe Gras am Straßenrand streifen. Löwenzahnsamen flogen durch die Luft. Sie schloss die Augen und lachte leise vor sich hin. Noah war fasziniert von so viel Energie. Wie gebannt beobachtete er sie. Die leicht gewölbte, gepflasterte Straße verloren beide aus dem Blick, sie fuhren völlig in sich selbst versunken.

„Es war ein Unfall.“

Von rechts kam ein Auto aus einer Seitenstraße geschossen. Viel zu schnell und laut hupend durchbrach es die anmutige Stille. Ein Geländewagen, wie Noah später erfuhr. Er hatte sie als erstes erfasst und gegen einen der Kirschbäume katapultiert. Er wurde nur gestreift, in einen Graben geschleudert.

„Ich kam erst nach drei Tagen wieder zu mir.“

Sein Gesicht landete im rostigen Stacheldraht. Ihr brach es unter anderem einige Halswirbel an, die gebrochene Rippe bohrte sich in ihren linken Lungenflügel. Der Krankenwagen kam erst nach 20 Minuten. Der Fahrer kam mit einem Schock davon.

„Sie starb, nachdem sie einige Wochen im Koma gelegen hatte. Mir hat er an dem Tag nicht nur mein Augenlicht genommen.“ Seine Hand lag noch immer auf dem Buch. Die Stimme hatte sie die ganze Zeit über gehalten und hielt sie weiter. „Alles, was mir von ihr blieb, war die Erinnerung, dieses Buch, und die Frage, wie viele Mohnblumen wohl auf diesem Feld blühten. Und wir werden es niemals herausfinden.“

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