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24. November ’14, 15:28 Uhr, Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Im Hintergrund verschwand die Stadt im Nebel, als sie im Zug nach Nirgendwo saß. Ihr Blick gehörte den frisch gepflügten Feldern, die noch dunkelbraun leuchteten, während das Gras am Rand des Gleisbetts bereits grau wurde. Sie versuchte, sich an den Sommer zu erinnern, aber alles, woran sie sich erinnerte, waren die langen Gänge, die weiße, steife Bettwäsche und der Geruch nach Desinfektionsmittel. Sie hatte das Gefühl, einen großen Teil von ihrem Leben verpasst zu haben, während sie dort im Krankenhaus gewesen war.
Sie schüttelte den Gedanken ab, indem sie in ihrer Tasche nach einem abgegriffenen Buch zu suchen begann. Es dauerte ein wenig, bis sie in den Tiefen der grauen Tasche das schwarze Buch und den passenden Stift gefunden hatte, aber als es ihr in die Finger fiel, fing sie unbeirrt an, darin zu schreiben, obwohl ihr Sitznachbar mitzulesen schien.

24. November ’14
15:28 Uhr
Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Das stimmte nicht. Aber das interessierte später nicht mehr.

Hier sitze ich, und warte, dass die Zeit vergeht. Seit ich die Kammer des Schreckens verlassen habe, scheine ich gelernt zu haben, einfach zu warten, ohne mich zu langweilen, fast wie ein Hund, der stundenlang dem Schnee beim Fallen zusehen kann.
Hinter mir verschluckt der Nebel die Stadt und mit ihr alle Erinnerungen an das letzte Jahr, und auch wenn es weh tut, von hier fort zu fahren, ist es wohl das einzig richtige. Wahrscheinlich blicke ich in ein paar Monaten auf die Zeit zurück und bin zufrieden mit meiner Entscheidung.
Vielleicht ist es meine letzte Chance nach Hause zurück zu kehren, bevor die Stadt mich mit Haut und Haaren verschluckt und im Dunkeln hält, wie einen Gefangenen im 16. Jahrhundert, mit Fesseln und ein bisschen Wasser.
Ich verstehe jetzt, warum Großvater damals Hamburg verlassen hat, um Großmutter zu heiraten.
Ich verstehe, warum sie auf dem Land glücklicher geworden sind.

Sie bracht ab und sah nach rechts, ihrem Mitfahrer direkt in die Augen. Er musterte sie seltsam, bevor er den Blick abwenden konnte. Wir fahren doch nicht nach Breslau, und Nacht ist auch nicht, nuschelte er vor sich hin. Sie ignorierte ihn, schlug das Buch zu, klemmte den Stift daran und ließ beides wieder in der Tasche verschwinden.
Wie ein Hund, der dem Schnee beim Fallen zusieht, dachte sie, lächelte, und freute sich auf ihr altes Leben, fernab von Lärm, Unfreundlichkeit und Kälte, als sie den Nebel hinter sich ließ.

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1999

Stille streicht kalt um ihre Fußgelenke, obgleich sie ihre Decke bis über den Kopf gezogen hat. Ihr langer, brauner Zopf guckt wie der geflochtene Schwanz eines Tieres als einziges aus der Dunkelheit der zur Höhle erkorenen Deckenburg. Ihre Augen fest geschlossen drückt sie ihre Nase fest in den weichen, kühlen Baumwollstoff. Durch den Türspalt gleitet das Licht warm in ihr Zimmer und erzeugt eine schumrige Atmosphäre, die nicht mehr Atmen lässt. Kleine Füße befreien sich aus der Decke, tapsen wie riesige Regentropfen über den Korkboden hinaus ins Hellere. Auf dem Lichtstreifen, den die Deckenlampe aus dem Nebenzimmer auf den Boden legt, balancieren sie vorsichtig, als wäre der Schatten rundherum tödlich. Der Gang scheint mit jedem Schritt länger und schmaler zu werden und sie versucht schneller zu laufen ohne dabei von der Stelle zu kommen. Die Tür wirkt groß, monströs, sie schließt die Augen, hält ihre kleinen Hände vors Gesicht,  so weit, dass sie die Lichtspur nur noch erahnen kann. Eine Träne bahnt sich leise den Weg vorbei an den Fingern, ihre Lunge füllt sich mit dem samtigen Gefühl des Erstickens.

Unbenannt.

Durch Flure voller Vergangenheit laufen.

Niedrige Decken und beige-orange Wände begleiten mich durch dunkelrote Türrahmen.

Dann Umarmungen, ein paar Tränen ohne Grund, ein bisschen Stille, darauf fremde Menschen, denen es schlecht geht, die erzählen.

Hände halten.

Durch Haare fahren.

T-Shirts, die fremd riechen.

Blaues Licht. Draußen blühen die Forsythien gelb in abgegrenzten Bereichen.

Dann wieder Flure mit niedrigen Decken, langsame Fahrstühle, von innen metallenes Glänzen ohne Spiegelungen.

Grüne offene Jacke, Hand in Hand.

Beklemmendes Gefühl des Anonymen.

Kurz draußen, dann wieder drinnen.

Fahrstühle hoch, Treppen runter.

Ein paar letzte Augenblicke.

Durch automatische Türen hinaus, durch Forsythien vorbei an der Baustelle.

Es riecht nach Frühling und Vermissen.

Verlassen.

Er steht allein im Dunkel, weiß nicht wo er ist. Sein Körper fühlt sich seltsam leicht und fremd an, als wär es nicht seiner, sondern der eines Kindes. Er blinzelt und langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit, die an diesem Ort herrscht. Diese Dunkelheit ist matt und samtig, wie der dicke Vorhang vor den Fenstern der Ferienwohnung, in der sie damals oft im Sommer waren. Aus der Dunkelheit heraus kristallisiert sich langsam, immer klarer ein exakt quadratischer Raum. Es gibt keine Tür, keine Fenster, keine Lampen, keinen Bodenbelag und auch keine Tapeten an der Wand, nur sanfte Dunkelheit und ein ebenfalls quadratisches Bett in der Mitte des Raums. Als er ein paar Schritte geht, machen diese kein Geräusch. Er versucht zu sprechen, doch er bekommt keinen Ton raus.

Im selben Moment wird an einem anderen Ort eine Tür geöffnet, ein Name wird gerufen, es kommt keine Antwort. Selbige Tür wird geschlossen. Es ist wieder still.

Er lässt die Schultern hängen, läuft lautlos auf das Bett zu. Anstatt sich zu setzen geht er einmal herum – es sieht von allen Seiten gleich aus, erst jetzt setzt er sich. Es gibt eine Decke, ein Kissen liegt in der Mitte darauf.

Wieder wird an einem anderen Ort die Tür geöffnet, fragend wird der gleiche Name erneut gerufen, wieder kommt keine Antwort. Eine Frau tritt heraus, sie trägt ihr langes, einst dunkelbraunes, nun bereits grau durchzogenes Haar wie immer zu einem Pferdeschwanz, hat ihre Hausschuhe an. Sie ruft weiter fragend den Namen, und ob alles in Ordnung sei. Sie beschleicht ein seltsames Gefühl.

Er sitzt noch immer auf diesem Bett, wartet. Wartet, dass etwas passiert, dass er etwas hört oder sieht, was er jetzt nicht hört, nicht sieht, aber es geschieht nichts. Er versucht die Sekunden zu zählen, still, nur für sich, aber er kann nicht zählen, er schafft nicht, die Zahlen in eine Reihenfolge zu bringen. Er schüttelt den Kopf. Er ist müde.

Die Frau läuft nach vorn auf den Hof, und ja, dort steht der neue Firmenwagen ihres Mannes, den er erst heute geholt und nun einräumen wollte. Sie lächelt und bleibt stehen. Wie lange hatte er sich auf diesen Wagen gefreut? Lange hatten sie darauf gewartet, das neue, große Auto endlich das erste Mal fahren zu dürfen. Im Vergleich zu ihrem alten Wagen war dies eine Stretchlimo, und sie lacht bei diesem Gedanken leise vor sich hin.

Er legt sich auf dieses Bett, in diesem Raum, und rollt sich ein wie eine alte Katze, schwerfällig und langsam. Er schließt die Augen, aber es bringt nichts. Lange liegt er da, ohne einzuschlafen.

Sie läuft weiter auf das Auto zu, ruft den Namen, und als sie um den Wagen herum geht, trifft sie der Schlag. Da liegt der Mann, den sie gerufen hat. Bewusstlos und seltsam verdreht. Ihr Atem geht, obwohl sie still steht, schnell und stockend, ihr Herz rast. Erst nach wenigen Sekunden kann sie sich aus ihrer Starre lösen und sich wieder bewegen. Sie rennt zurück zum Haus.

Er hat sich mittlerweile die Decke über den Kopf gezogen und guckt wie ein scheues Tier durch einen Spalt in den Raum. Noch immer passiert hier nichts, rein gar nichts. Er schließt seine Augen wieder und bleibt einfach liegen, leblos, lieblos, allein.

Sie hat bereits den Rettungsdienst gerufen, sitzt nun auf dem Boden neben dem Firmenwagen und hält den Kopf ihres Mannes. Sie zittert vor Angst, fühlt sonst gar nichts. Der Rettungswagen biegt um die Ecke und fährt auf die Auffahrt, aus dem Auto steigen zwei Männer, beeilen sich, wirken mechanisch. Sie nehmen ihn ihr weg, untersuchen, ein Hubschrauber wird gerufen. Das Gefühl kommt zu ihr zurück und sie beginnt nun endlich zu weinen, die Hände vor den Augen steht sie zusammengesunken da und weint, laut, herzzerreißend. Als hätte ihr jemand unendliche Schmerzen zugefügt.

Er liegt mit geschlossenen Augen unter der Decke, fährt sich mit einer Hand durchs Gesicht und wartet. Er kann nicht denken, nicht hören oder reden, noch immer fühlt er sich unwirklich leicht, fast schwerelos. Unbewusst dreht er sich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. In seinem Kopf ist nichts, nur Dunkelheit, genau wie in diesem Raum.

Man nimmt sie im Rettungswagen mit, bringt sie hin wohin der Hubschrauber, der vor kurzem gelandet ist und in den sie ihrem Mann gelegt haben, hinfliegt. Sie weint noch immer, aber jetzt nicht mehr laut und schrill, sondern leise und für sich. Man hat ihre Kinder bereits angerufen.

Er öffnet seine Augen wieder, kriecht aus seiner Höhle raus, läuft unschlüssig um das Bett herum und betrachtet die leeren, glatten Wände.

Im Krankenhaus angekommen wird ihr erklärt, ihr Mann sei nun im OP, man tue das Möglichste, aber versprechen könne man nichts. Es stehe nicht gut. Sie fühlt sich kalt und leer. Die Sterilität dieses Ortes hat ihre Gefühle getötet, wie das Desinfektionsmittel im OP unerwünschte Keime tötet. Er liegt auf dem OP-Tisch und die Ärzte versuchen das Blut, dass seit Ewigkeiten auf sein Gehirn drückt, abzulassen.

Gäbe es an diesem Ort Zeit, stünde er nun schon seit Stunden vor einer Wand und betrachtete die Leere. Für ihn fühlt es sich an als stünde er schon immer hier und gleichzeitig erst seit wenigen Augenblicken.

Stunden vergehen und man benachrichtigt sie immer wieder über den Stand der Dinge. Schwestern und Ärzte hetzen geschäftig über die kalten Flure und sie sitzt vor der Intensivstation, auf der ihr Mann nun liegt. Die Kinder sind vor etwa 45 Minuten eingetroffen, sie laufen ebenso wie Ärzte und Schwestern scheinbar sinnlos und ohne Konzept durch die Räumlichkeiten und finden an nichts Halt. Ihre Angst steht ihnen in die Augen geschrieben.

Er steht noch immer.

Eine Schwester tritt auf sie zu und sagt, sie dürfen nun zu ihm. Die Frau stürzt durch die schwere Tür der Intensivstation und steht einen Moment später verloren in einem kalten, weißen Zimmer ohne Vorhänge. Dort liegt ihr Mann, vollkommen reglos.

Es vergehen noch einige Stunden, in denen Ärzte und Schwestern immer wieder zu ihnen kommen und Worte wie Wachkoma, Pflegefall, und keine Hoffnung fallen viel zu oft.

Der Raum in dem er sich befindet wird langsam immer dunkler. Er legt sich irgendwann wieder auf sein Bett, macht es sich bequem und starrt in die Leere, wo die Decke sein müsste. Er schließt seine Augen, dann öffnet er sie wieder, dann schließt er sie erneut. Er ist sich seiner Selbst nicht mehr bewusst.

Sie hält seine Hand, und als die Maschinen zu piepen beginnen, rennen hektisch Menschen in den Raum. Man nimmt ihre Hand und bringt sie wieder auf den Flur, Rollos und Türen werden geschlossen, man lässt sie und die Kinder wieder allein. Sie fühlen sich leer.

Sein Raum beginnt zu verschwimmen, sein leichter Körper wird immer schwereloser, er hält die Augen geschlossen, als er ein Blitzen wahrnimmt – und für immer im Nichts verschwindet.

Man tritt hinaus auf den Flur, spricht ihnen Mitleid aus. Es sei zu spät, man hätte nichts mehr für ihren Mann tun können. Es sei so besser für ihn.

Tage vergehen und die Gefühllosigkeit bleibt. Man tritt als Familie an sein Grab, als die Urne eingesetzt wird. Man weint viel, die meisten gehen nach der angemessenen Zeit. Sie steht noch Stunden dort vor dem frischen Grab, ganz in schwarz, die Haare wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, weint leise.

“Du hast uns viel zu früh verlassen.”, sagt sie ein letztes Mal. Dann dreht sie sich um und geht.

Phantasien.

Lautlos sitze ich vor meinem Bücherregal und zähle meine Bücher. Egal, wie oft ich sie zähle, es fehlt immer eins. Wieder und wieder versuche ich herauszufinden, was da fehlt, wo es stand, warum es nicht mehr da ist. Ich stehe auf, der Korkboden ist zu kalt. Mit dem rechten Zeigefinger fahre ich langsam über jeden Buchrücken und flüstere leise Titel vor mich hin.

Als ich bemerke, dass es nichts bringt, drehe ich mich um und setze mich aufs Bett. Mir fällt eine kleine Lücke auf, die sich zwischen zwei Bücher geschlichen hat, und das sonst so volle Regal an dieser Stelle ein wenig leer aussehen lässt. Ich stehe noch einmal auf, gehe langsam auf die Bücher zu. In der Lücke liegt unaufällig, fast unsichtbar, ein kleiner, gerollter Zettel. Ich ziehe ihn raus.

Die unendliche Geschichte – Michael Ende

Bei einem Herzmenschen.

Ich erschrecke. Natürlich.

Damals, als du mich mit mir allein gelassen hast, weil du keinen Sinn darin sahst, dich bei mir zu melden, hab ich dir dieses Buch geschickt. Und du hast versprochen, mir jeden Abend ein bisschen daraus vorzulesen, ein Versprechen, dass du wie alle anderen nicht gehalten hast.

Ich kann nicht fassen, dass du mir ausgerechnet dieses Buch nimmst, wo es doch alles ausmacht, was ich bin.

Ich stehe noch wenige Minuten da und warte darauf, dass sich alles von selbst erklärt, und das Buch nur an einer anderen Stelle im Regal steht, aber ich finde es nicht. Es ist weg.

Du hast mir mein Phantasien genommen. Das werde ich dir niemals verzeihen.

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