Archiv für den Monat Juni 2013

1999

Stille streicht kalt um ihre Fußgelenke, obgleich sie ihre Decke bis über den Kopf gezogen hat. Ihr langer, brauner Zopf guckt wie der geflochtene Schwanz eines Tieres als einziges aus der Dunkelheit der zur Höhle erkorenen Deckenburg. Ihre Augen fest geschlossen drückt sie ihre Nase fest in den weichen, kühlen Baumwollstoff. Durch den Türspalt gleitet das Licht warm in ihr Zimmer und erzeugt eine schumrige Atmosphäre, die nicht mehr Atmen lässt. Kleine Füße befreien sich aus der Decke, tapsen wie riesige Regentropfen über den Korkboden hinaus ins Hellere. Auf dem Lichtstreifen, den die Deckenlampe aus dem Nebenzimmer auf den Boden legt, balancieren sie vorsichtig, als wäre der Schatten rundherum tödlich. Der Gang scheint mit jedem Schritt länger und schmaler zu werden und sie versucht schneller zu laufen ohne dabei von der Stelle zu kommen. Die Tür wirkt groß, monströs, sie schließt die Augen, hält ihre kleinen Hände vors Gesicht,  so weit, dass sie die Lichtspur nur noch erahnen kann. Eine Träne bahnt sich leise den Weg vorbei an den Fingern, ihre Lunge füllt sich mit dem samtigen Gefühl des Erstickens.

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