25.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

 

 

Manchmal muss man nur wissen, wann es Zeit ist, still zu sein.

//closed

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Ueber die Nacht, in der ich nicht schlief.

Nachts, wenn der Regen so stark faellt, frage ich mich, was du gerade tust. Ob du lachst, ob du Spass hast, wo du bist. In den Hauseingaengen stehen Menschen, die sich vor dem Regen schuetzen, warten, dass die Tropfen weniger und sie nicht nass werden. Vereinzelt Paare in den Schatten der Haeuser, sich festhaltend, umarmend, kuessend. Aus jedem Schatten waechst ein neues Lebewesen, dass sich erst zeigt, wenn ich es bemerke. Meine Schuhe, Socken, Hosenbeine, alles abwaerts der Knie ist nass und tropft still im Vergleich zum Regen. Man kann sich nicht an Schirme anlehnen. Was du bloss machst? Gerade erst die Wohnung verlassen, die Freundin und den Fremden verabschiedet, wenigstens eine bleibt heut Nacht nicht allein. Ob du allein bist? Ob du getrunken hast, so wie ich? Vielleicht spuerst du das Selbe seltsame Gefuehl in der Magengegend. Vielleicht nicht. Vielleicht ist es nur die Gewissheit, dass du nicht allein bist und ich schon. Ob du jemanden getroffen hast? Ob sie huebsch ist und ob du sie ansiehst, wie du mich noch vor Kurzem angesehen hast? Der Schirm haelt mich nicht. Die Schluessel sind so tief in der Tasche, ich finde sie nicht. Die ganzen schweigenden Fremden sind mir unheimlich. Warum sind sie hier? Vielleicht wirst du sie kuessen wie du mich gekuesst hast. Vielleicht geht es dir gut damit. Vielleicht fuehlt es sich richtig an diesmal. Vielleicht ist auch sie heut Nacht nicht allein. Der Schirm tropft. Ich wuensch es dir, aber mir wuensch ich es nicht.

Seit du fort bist, find ich mich nicht mehr.

Ich bin gelaufen, gerannt, geschlichen, gekrochen, gesprintet und gesprungen, habe gesucht, gerufen, geschrieben, geflüstert, aber niemals, niemals habe ich eine Antwort bekommen. Lange saß ich am Fenster und hab die Welt beobachtet, in der Hoffnung, ich würde erkennen, wenn es so weit ist. Ich bin schweigend und kilometerlang Straßenmarkierungen und Gleisen gefolgt und habe von ihnen nie mehr gehört als „Lauf weiter“. Ich habe gelacht, geweint, geschwiegen, nichts kam bis ans Ende durch. Ich habe geschlafen, war wach, habe gelebt und bin gestorben, alles hundertfach. Nirgendwo auch nur ein Hinweis. Ich habe vergessen, was ich wollte, weil ich es nie selbst gesagt habe. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich jemals wollte. Ob ich es mir nicht nur eingeredet hab. Mir ist kalt ohne mich, als wäre ewig Winter. Ich möchte nur nach Hause. 
Lass mich gehen.

Der Tag, an dem ich dich vermisse.

Der Gang ist bis auf mich leer. Kurz zuvor ist die Fahrstuhltuer vor meiner Nase wieder zu gegangen als waer sie nie offen gewesen. Ich stehe am Fenster. Es ist gross, der Ausblick winzig. Unten liegt die Auffahrt so nass und so grau und so selbstverstaendlich als waere sie schon immer dort. Der Fahrstuhl knackt als sich die Tueren in einem anderen Stockwerk oeffnen. Ich fuehle mich klein und hohl wie die kleinste der Matrjoschkapuppen, die ich als Kind hatte. Sie war vollkommen waldgruen mit buntem Glitzer, ohne Gesicht, und sie war so leicht wie dieser Schleier, den die Traenen ueber meine Augen legen. Ich sehe jemanden die Auffahrt hinunter laufen und wundere mich, dass dieser Mensch, da unten und so klein, mich in seinen Umarmungen verschwinden laesst. Als waere ich das Kaninchen und er der Hut. Als er um die Ecke biegt und verschwindet, verschwinde auch ich. Meine Schuhe quietschen ueber den Boden. Schmutzige, weisse Schuhe. Der Schluessel im Schloss und die Tuer direkt wieder zu. Der Gang bleibt leer und dunkel zurueck. Ganz hinten scheint die Sonne durch ein Fenster. Der rotleuchtende Lichtschalter flackert. Das Geraeusch der ins Schloss fallenden Tuer hallt kurz nach und dann ist Stille. Als waere nie etwas passiert.

Kommst du mir nach?

Immer und immer wieder komme ich an diesen Punkt, an dem ich nicht weiss. Ohne grosse Worte, weil ich sie nicht beherrsche, wie ich gerne haette, versuche ich den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, weil ich mag, wenn das Leben so fliesst. Ein Schritt nach dem anderen ohne Ziel und Knoten im Kopf lassen sich nicht mehr einfach rauskaemmen. Ich bin mehr Chaos als Ordnung. Ich ordne alles um mich herum so oft neu, dass ich selbst vergesse in welchem Register welcher Gedanke abliegt, egal, Hauptsache aufgeraeumt und sortiert. Mach die Augen zu, und wenn du schwarz siehst, seh ich weiss, ich weiss bis heute nicht wer ich war bevor du kamst und wer ich waere, waerst du nicht. Ich will nichts und gebe alles. Kommst du mir nach, wenn ich jetzt abtauche, und wenn ja, wohin wollen wir noch gehen? Lass uns verschwinden, dahin wo uns niemals wieder jemand findet, den wir schon lange nicht mehr kennen. Bis wir vergessen wohin wir wollen und bleiben. Und dann, irgendwann, zeig ich dir wie man den Wind im Herzen behaelt, wenn er laengst nicht mehr da ist. Kommst du oder was?

Ganz vielleicht.

An manchen Tagen mag ich mich nicht. Dann wache ich morgens auf und kann nicht aufstehen, will mir kein Fruehstueck machen und nicht duschen gehen. Dann will ich nichts anziehen und mir nicht die Haare kaemmem oder die Zaehne putzen. Dann will ich nicht wach sein, aber auch nicht schlafen. Am liebsten waere ich an diesen Tagen gar nicht. Ich quaele mich durch die Stunden und bin unendlich freundlich zu unfreundlichen Leuten, esse zu viel Schokolade und gehe auf die Terrasse um zu rauchen, obwohl der Rauch in der Lunge brennt, weil ich nie wirklich geraucht hab. Ich gehe raus, ins Atelier, arbeite und lache mit den Anderen, aber eigentlich lache ich nie wirklich. Ich bin genervt, unentspannt, bekomme Rueckenschmerzen, weil der Stuhl unbequem ist und ich verspannt bin. Ich kann nicht nachdenken und bin mit nichts zufrieden, auch wenn das, was ich schaffe, gut aussieht. Ich bekomme dieses Gefuehl in der Brust, beginne herum zu irren, setze mich an die Heizung oder mache 15 Minuten lang Updates, die den Laptop lahmlegen, weil ich dann nicht arbeiten muss. Bin kurz danach genervt, weil ich nicht arbeiten kann. Ich packe mein Zeug, verabschiede mich und gehe, obwohl das alles nichts bringt und die Anderen sagen, ich sollte doch noch bleiben. Ich gehe aus dem alten Casinogebaeude, am Bahnhof vorbei, die Strasse hoch und an dem Gebaeudekomplex der schwaebischen Zeitung vorbei. Durch die Gassen und bis vor meine Tuer, sehe in den Postkasten, obwohl ich weiss, dass da nichts drin ist. Ich gehe rein, ziehe Schuhe, Jacke, Hose und Pullover aus und Schlafanzug wieder an, gehe ins Bad und nehme die Kontaktlinsen raus. Ich bin noch immer nicht zufrieden mit mir selbst. Ich liege auf dem Bett, werde nachher Cap und Capper sehen und mir die Augen aus dem Kopf heulen und vielleicht, ganz vielleicht, spuere ich danach ja wieder etwas anderes als Selbsthass und Unzufriedenheit.

Zu grell.

Der Blick auf den schmutzigen, ehemals weißen, nun bereits beige-grauen Schuhen, wie sie Schritt für Schritt weiter gehen, fast so, als würden sie das von allein tun. Der Schal verdeckt die Sicht auf den Rest des Körpers, nur die in schwarze Jeans gesteckten Beine tauchen bis zum Knie abwechselnd darunter auf. Dies ist der Moment, kurz bevor der Schmerz mit voller Wucht zuschlägt. Der Boden ist mit grauen Steinplatten gepflastert, von hinten dröhnt ein Bus die leicht ansteigende Straße hinauf. Der Moment wird eingeatmet, ausgeatmet, festgehalten, es pocht im Kopf, es ist zu hell, obwohl es schon dunkel ist. Die Ampel blendet, der Mond steht verschwommen am Himmel und leuchtet schwach mit blauem Licht. An jeder Ecke in den Gassen stehen fremde Menschen, oft Männer, oft betrunken oder anderweitig berauscht, Angst macht sich breit. Die Luft ist kalt und feucht, als stünde Nebel auf den Feldern. Die Verspannung zwischen den Schultern wird fester und schmerzt zunehmend, von Gasse zu Gasse wird es dunkler, leiser, unheimlicher. Es ist 18.42 Uhr. In der betretenen Gasse riechst es nach Vodka und Gras. Vor der Tür liegt noch die zerbrochene Glasflasche. Die Tür wird aufgeschlossen. Man sieht noch immer nur die schmutzigen Schuhe und den großen schwarzen Schal. Das Licht geht an, bohrt sich in die Schädeldecke wie eine Spitzhacke, es ist still. Der Schmerz klirrt und brummt und pocht von innen an die linke Schädelhälfte und man sieht den Boden gefährlich näher kommen. 

Die Decke über den Kopf, Ruhe, Dunkelheit. Der Schmerz bleibt. Pocht und bohrt und versucht die Schädeldecke zu sprengen. Der Schmerz bleibt bei mir.

Gepackt.

Der Koffer liegt seit ich hier bin auf dem Boden mitten im knapp 12qm großen Zimmer. Das Bett ist zu groß für mich allein, die Nacht hier oben zu still und zu dunkel. Mir fehlt deine Wärme neben mir und es ist traurig, dir nicht einmal wirklich eine gute Nacht wünschen zu können. Meine Sachen sind gepackt. Alle Kisten in deinem Schrank und jedes Gefühl auf Papier gelassen, damit ich diesmal nicht durchdrehe, und ich tue es doch. Dein Bild steht auf dem Fensterbrett und immer wenn ich raussehe, sehe ich doch als erstes dich.
Meine alten Bücher packe ich in einen kleinen Karton. Dazu dein Parfum, dass ich versehentlich mitgenommen habe. Alles, was ich aufgeschrieben habe die letzten Tage, lege ich dazu. Könnte ich, würde ich das schwarze Buch mit einpacken, alles, was mich schon so lange quält. Dein Herzschlag klingt weiter in mir nach und manchmal hoffe ich, dass auch du nachts aufwachst und mich ein wenig vermisst, wenn ich nicht mehr neben dir liege.

Vergangenheit fängt in der Kindheit an.

Manchmal ist die Stadt so erdrückend leise, dass sie mir den Atem nimmt.
Wenig schleicht so fremd wie eine Leerfahrt von einen Bahnhof in den nächsten.
Fremde Menschen ziehen die Hostelvorhänge zu, und ich erinner mich an das Gefühl von Klassenfahrt.
Menschen sitzen auf ihren Koffern und es ist als hätte ich selbst erst gestern dort gesessen. Hab ich. Als würde ich morgen wieder dort sitzen. Werde ich.
Als Kind hab ich oft im Dunkeln gelegen und geweint, weil hinter meinem Herzen ein großes Loch zu sein schien, dass mich nicht mehr atmen ließ. Weil ich ein neues Spielzeug bekommen habe und deswegen ein schlechtes Gewissen hatte. Weil mein Opa die zwei Kaninchen für mich gekauft hat und ich Angst hatte, mich nicht genug um sie kümmern zu können. Weil nebenan mein todkranker Bruder endlich schief und ich nicht verstehen konnte, warum er auf einmal so im Mittelpunkt stand. Und ich verstand es doch. Und war eifersüchtig, obwohl ich ihn so mochte.
Vergangenheit fängt in der Kindheit an.
Ich glaube, auch Kinder können depressiv sein, auch wenn es sich dann noch anders für sie anfühlt.

24. November ’14, 15:28 Uhr, Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Im Hintergrund verschwand die Stadt im Nebel, als sie im Zug nach Nirgendwo saß. Ihr Blick gehörte den frisch gepflügten Feldern, die noch dunkelbraun leuchteten, während das Gras am Rand des Gleisbetts bereits grau wurde. Sie versuchte, sich an den Sommer zu erinnern, aber alles, woran sie sich erinnerte, waren die langen Gänge, die weiße, steife Bettwäsche und der Geruch nach Desinfektionsmittel. Sie hatte das Gefühl, einen großen Teil von ihrem Leben verpasst zu haben, während sie dort im Krankenhaus gewesen war.
Sie schüttelte den Gedanken ab, indem sie in ihrer Tasche nach einem abgegriffenen Buch zu suchen begann. Es dauerte ein wenig, bis sie in den Tiefen der grauen Tasche das schwarze Buch und den passenden Stift gefunden hatte, aber als es ihr in die Finger fiel, fing sie unbeirrt an, darin zu schreiben, obwohl ihr Sitznachbar mitzulesen schien.

24. November ’14
15:28 Uhr
Im Nachtzug zwischen Berlin und Breslau

Das stimmte nicht. Aber das interessierte später nicht mehr.

Hier sitze ich, und warte, dass die Zeit vergeht. Seit ich die Kammer des Schreckens verlassen habe, scheine ich gelernt zu haben, einfach zu warten, ohne mich zu langweilen, fast wie ein Hund, der stundenlang dem Schnee beim Fallen zusehen kann.
Hinter mir verschluckt der Nebel die Stadt und mit ihr alle Erinnerungen an das letzte Jahr, und auch wenn es weh tut, von hier fort zu fahren, ist es wohl das einzig richtige. Wahrscheinlich blicke ich in ein paar Monaten auf die Zeit zurück und bin zufrieden mit meiner Entscheidung.
Vielleicht ist es meine letzte Chance nach Hause zurück zu kehren, bevor die Stadt mich mit Haut und Haaren verschluckt und im Dunkeln hält, wie einen Gefangenen im 16. Jahrhundert, mit Fesseln und ein bisschen Wasser.
Ich verstehe jetzt, warum Großvater damals Hamburg verlassen hat, um Großmutter zu heiraten.
Ich verstehe, warum sie auf dem Land glücklicher geworden sind.

Sie bracht ab und sah nach rechts, ihrem Mitfahrer direkt in die Augen. Er musterte sie seltsam, bevor er den Blick abwenden konnte. Wir fahren doch nicht nach Breslau, und Nacht ist auch nicht, nuschelte er vor sich hin. Sie ignorierte ihn, schlug das Buch zu, klemmte den Stift daran und ließ beides wieder in der Tasche verschwinden.
Wie ein Hund, der dem Schnee beim Fallen zusieht, dachte sie, lächelte, und freute sich auf ihr altes Leben, fernab von Lärm, Unfreundlichkeit und Kälte, als sie den Nebel hinter sich ließ.